Nahost : Wie verlässlich sind die Bilder des Krieges?

In Nahost wird auch um die Deutungshoheit gekämpft. Nur palästinensische Fotografen, Kameraleute, Reporter können im Gazastreifen arbeiten, weil Israel keine ausländischen Journalisten dorthin lässt. Damit tut sich das Land keinen Gefallen.

M. Gehlen[S. Pohlmann],Rafah[S. Pohlmann],C. Landsmann[S. Pohlmann],Tel Aviv[S. Pohlmann],C. Tretbar[Berlin]
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Macht der Bilder: Palästinenser betrauern die Opfer eines israelischen Angriffs - darunter viele Kinder. -Foto: AFP

Militärisch könnte Israel den Krieg um Gaza jederzeit für sich entscheiden. Doch das politische Resultat des Waffenganges bestimmen weniger die israelischen Bomben und auch nicht die palästinensischen Raketen, sondern insbesondere die Bilder der Opfer und Zerstörungen. "Auch tausend noch so kluge und einleuchtende Erklärungen von Spitzenpolitikern vermögen nichts auszurichten gegen ein Bild eines weinenden Kindes vor den Trümmern seines Hauses oder gar eines toten Säuglings." Mit solchen und ähnlichen Erklärungen dämpften israelische PR-Experten die Erwartungen der israelischen Politiker. Tatsächlich sind die aus dem abgesperrten Gazastreifen in die Außenwelt gelangenden Bilder hauptverantwortlich für die sich zunehmend gegen Israel wendende öffentliche Meinung weltweit.

Wer macht die Bilder?

Die Bilder erzählen ohne Worte die Geschichte des Sterbens, des Leidens und der Not der unschuldigen Zivilbevölkerung. Doch sie bilden nur einen, wenn auch wesentlichen Teil der Kriegswirklichkeit ab und verzerren so auch das Bild, das sich ihre Betrachter von der Lage machen. Jedes einzelne Foto, jede Videoaufnahme, ja jedes gesprochene oder geschriebene Wort aus dem Gazastreifen stammt aus palästinensischen Quellen. Nur palästinensische Fotografen, Kameraleute, Reporter können im Gazastreifen arbeiten, von dort für israelische und internationale Medien berichten. Denn Israel hat sämtliche Grenzübergänge bisher für Medienvertreter geschlossen.

Wie frei können Journalisten vor Ort arbeiten?



Medienvertreter kämpfen ihren eigenen Kampf gegen die israelische Regierung und die Armee – sie ringen um die Einhaltung der Pressefreiheit. Zwar erlangten die Journalisten einen kleinen Sieg, als das oberste Gericht in Jerusalem entschied, dass die Regierung ausländischen Journalisten zum Zwecke der Berichterstattung die Einreise in den Gazastreifen erlauben müsse. Doch von freier Berichterstattung kann nicht die Rede sein. Denn die israelische Regierung widersetzte sich auch am Freitag der Anordnung des obersten Gerichtshofs. Auch wurde die Minimalforderung der FPA von täglich zwölf Medienvertretern – zwei TV-Teams, Fotografen, Radio- und Zeitungsreportern – vom Gericht nicht akzeptiert. Auch die Armee will jeweils maximal acht Journalisten die Einreise gestatten und auch festlegen, wann diese acht Medienvertreter geschlossen wieder ausreisen müssen.

Der FPA-Vorsitzende Simon McGregor vom amerikanischen ABC-TV spricht der staatlichen Pool-Reduzierung "jede Logik" ab, auch zwölf wäre "ungenügend" gewesen. Jetzt müsse er sich genau wie seine Kollegen weiterhin einzig auf palästinensische Quellen stützen und so der Hamas ein "exklusives Monopol" einräumen. Der Chef des israelischen "Government Press Office" (GPO), Danny Seaman, hält dem entgegen, dass die "Auslandsmedien in Gaza Feigenblätter für die News werden und ihren Berichten Glaubwürdigkeit geben", obwohl sie von der Hamas ausgenutzt, unter Druck gesetzt und missbraucht werden. Deshalb zieht Seaman palästinensische Berichterstatter vor, deren Abhängigkeiten klar seien. Doch dies sieht der Betrachter in Deutschland, in den USA oder in Australien den Bildern nicht an. Und selbst wenn in Kürze auch ausländische Fotografen internationaler Agenturen Bilder aus dem Gazastreifen liefern, werden sich diese nicht oder allerhöchstens minimal von denjenigen palästinensischer Herkunft unterscheiden. Denn wer immer in Krisen- und Kriegsgebieten professionell mit der Kamera unterwegs ist, der versucht die dramatischsten, die aussagekräftigsten und damit auch die schrecklichsten Bilder zu liefern.

Höchstens in den Proportionen könnte sich etwas ändern. Man erinnere sich: Am ersten Kriegstag, nach dem überraschenden und verheerenden Blitz der israelischen Luftwaffe, lieferten die palästinensischen Fotografen und Kameraleute unverhältnismäßig viele Aufnahmen verletzter Kleinkinder, obwohl es sich bei fast allen Toten und Verletzten um uniformierte Hamas-Kämpfer und Polizisten handelte. Bilder unschuldiger Kinder als Opfer lassen sich nicht nur besser verkaufen, sie dienten auch der Hamas als Beweis für ihre falsche Behauptung, Israel greife nicht nur sie, sondern unterschiedslos alle Palästinenser an.

Wie ist die restriktive Informationspolitik der Israelis zu bewerten?

Israels aktuellen Begründungen für die derzeitigen Einreiseverbote für Journalisten sind zumindest fragwürdig. Seit längerem gilt ein solches Einreiseverbot für israelische Journalisten oder einige Auslandskorrespondenten. Nachdem in den letzten zwei Monaten vor Kriegsbeginn der Gazastreifen immer wieder auch für ausländische Journalisten verschlossen blieb, ging der Erez-Grenzübergang nach heftigen Protesten für sie in unregelmäßig Abständen auf, aber jeweils ebenso schnell auch wieder zu. Begründet wurde dies einerseits mit der Gefahr für die Journalisten, andrerseits mit der israelfeindlichen Berichterstattung bei früheren Waffengängen. Doch jeder Reporter, der in ein Krisengebiet fährt, muss zuvor ein Formular unterschreiben, spöttisch "Testament" genannt, dass dies auf eigenes Risiko geschehe und er keinerlei Schadenersatzansprüche gegen den Staat Israel erheben könne. Die Armee erklärte außerdem die israelischen Gebiete direkt am Gazastreifen, in denen die Bodentruppen auf ihren Einmarschbefehl warten, zu militärischen Sperrgebieten, obwohl den Reportern dort keine Gefahr droht.

Welche Informationswege nutzt das israelische Militär?

Besonders beliebt ist bei den israelischen Militärs das Internet. Auf der Videoplattform Youtube hat der Pressestab des Militärs einen eigenen Kanal eingerichtet, auf dem die Luftangriffe gezeigt werden. 18 Videos stehen mittlerweile online, die beispielsweise die Zerstörung eines Tunnels zeigen, durch den die Hamas Waffen transportiert haben soll. Über 600.000-mal wurde die Seite bisher aufgerufen. Allerdings schien Youtube nicht ganz so begeistert von den Aktivitäten des israelischen Militärs. Denn einige Videos hatten die Plattformbetreiber kurzerhand von ihrer Seite genommen. Nach Protesten von Usern wurden aber alle Filme wieder zur Verfügung gestellt. Youtube erklärte die kurzzeitige Sperrung der Videos damit, dass geprüft wurde, ob diese Aufnahmen des israelischen Militärs gegen die Nutzungsbedingungen von Youtube verstoßen. Demnach dürfte kein volksverhetzendes und gewaltverherrlichendes Material auf die Seite gestellt werden. Die Betreiber kamen nach der Prüfung aber zu der Erkenntnis, dass das Videomaterial den Nutzungsbedingungen genüge.

Wie arbeiten die Fotoagenturen im Krisengebiet?

Die beiden großen Nachrichtenagenturen AP und Reuters bekommen die Bilder von ihren Fotografen aus dem Gazastreifen zugeliefert. AP ist hier mit drei fest angestellten und fünf freien Mitarbeitern vertreten, die alle Palästinenser sind. "Sie arbeiten nach Standards, die größtmögliche Objektivität garantieren sollen", sagt Ferdinand Ostrop, stellvertretender Chef vom Dienst der AP-Fotoabteilung in Frankfurt. Die Bilder der Fotografen werden dann von den Redakteuren im AP-Büro in Jerusalem ausgewählt und auf ihre Authentizität hin überprüft, bevor sie in die Europazentrale nach London geschickt werden, die die Bilder dann Medien weltweit zur Verfügung stellt. Generell werden Kriegsbilder von den Agenturen besonders sorgfältig kontrolliert. "Haben wir auch nur leise Zweifel, dass ein Bild manipuliert sein könnte, lassen wir uns von dem Fotografen auch die davor und danach geschossenen Bilder senden", sagt Ostrop. Im Photoshop-Programm könnten die Bilder Pixel für Pixel so stark vergrößert werden, dass eine Montage sichtbar würde.

Besteht Manipulationsgefahr?

Thomas Hinrichs, Chef von ARD-Aktuell, weiß um die Gefahr der manipulierten Bilder. "Krieg ist immer auch eine Propagandaschlacht", sagt er. Deshalb müssten die Agenturen und Sender besonders darauf achten, nicht von einer der Kriegsparteien mit gefälschten Bildern getäuscht zu werden. "Keine Agentur ist davor gefeit", sagt Hinrichs. Die ARD habe jedoch das Privileg, für ihre Beiträge beispielsweise in "Tagesschau" und "Tagesthemen" nicht wie viele der Privatasender ausschließlich auf Agenturmaterial zurückgreifen zu müssen, sondern beschäftigt mit Sawah Abu Saif seit sieben Jahren einen eigenen Kamermann im Gazastreifen. Er war im Sommer 2008 von der Hamas entführt worden, kann inzwischen aber wieder für die ARD arbeiten. Bilder von Agenturen, die beispielsweise über den "Euroservice" der European Broadcasting Union zur Verfügung gestellt werden, überprüft das ARD-Studio in Tel Aviv und die Aktuell-Redaktion in Hamburg auf ihre Plausibilität hin. Sie kontrollieren, wie aktuell die Bilder sind, ob zu den genannten Zeitpunkten tatsächlich bomben explodiert sind. "Wenn wir auch nur einen leisen Zweifel haben, werden die Bilder nicht ausgestrahlt", sagt Hinrichs. Die Agentur Reuters hatte im Libanonkrieg einen ihrer libanesischen Fotografen entlassen müssen, der Bilder manipuliert hatte. So ließ er durch eine Photoshop-Manipulation aus einem israelischen Flugzeug drei Bomben über Nabatijeh fallen, obwohl es in Wahrheit nur eine war.

Das Organ der Palästinenserregierung "Al Aijam" berichtete am 29. Dezember von Manipulationen mehrerer palästinensischer Kameraleute, welche die Mütter von Gefallenen instruierten, was sie in die Kameras sagen sollten. "Ein Kameramann sagte einer trauernden Mutter: 'Schlag dir ins Gesicht, weine, mache etwas'" Doch während der ersten Intifada in den 80er Jahren wurden israelische Kameraleute bei Schlimmerem erwischt. So wurde in einer von vielen Sendern übernommenen TV-Dokumentation auch ein israelischer Kameramann, der für einen amerikanischen Sender gearbeitet hatte, bloßgestellt. Er hatte palästinensischen Jugendlichen die Anweisungen gegeben, wie sie israelische Soldaten in einen Hinterhalt locken und in eine wahre Straßenschlacht verwickeln sollten.

Israels Armee reagierte damals auf die "unfreundliche" Berichterstattung mit militärischen Sperrzonen im Westjordanland. Amerikanische und französische Fernsehsender verteilten Videokameras an unausgebildete Palästinenser, die seither als Kameraleute ihr Geld verdienen. Auch Ehud Olmert kann sich an diese Zeit erinnern. Als der damalige außen politische Sprecher der regierenden Likud-Partei und heutige Ministerpräsident gerade ein Interview beendet hatte und auf dem Korridor einem palästinensischen Scheich begegnete, der sich heftig schüttelte und aus dessen Galabijah mehrere aus den Sperrgebieten geschmuggelte Videokassetten fielen. Noch bevor der staunende Olmert seinen Mund wieder schließen konnte, hatten die Reporter der ausländischen TV-Sender sich ihre Kassetten geschnappt, um aus dem "palästinensischen" Material ihre Berichte zusammenzuschneiden.

Welche Erfahrungen macht unser Korrespondent in Rafah?

Ägypten hat sofort reagiert. Stunden nachdem am Montag an der Rafah-Grenze zum Gazastreifen Ägypter und Palästinenser aufeinander geschossen hatten, wurde der gesamte Sinai für Journalisten gesperrt. Wer es dennoch versuchte, blieb bereits kurz hinter dem Suezkanal am ersten Checkpoint hängen, 200 Kilometer von der Grenzstation Rafah entfernt. Fünf Stunden Verhandlungen, zahllose Tele fonate, selbst Interventionen des deutschen Botschafters beim Innenminister – nichts zu machen. Ägypten will keine Zeugen, wenn "arabische Brüder" an seiner Grenze aufeinander schießen. Und keine Zeugen, wenn seine Grenzer fliehende Palästinenser mit Waffengewalt in den Gazastreifen zurücktreiben. Also umkehren nach Kairo und den ganzen Silvestertag die Behörden belagern – eine schwierige Aufgabe. Denn einreisen durfte nur, wer drei Genehmigungen vorzuweisen hatte, vom Innenministerium, von Inlandsgeheimdienst und vom Militär.

Für Silvesterabend wurde die Entscheidung in Aussicht gestellt, spätabends hieß es dann, Journalisten können zur Grenze fahren. Doch hier wimmelt es längst vor Geheimpolizisten. Nur zum Grenzterminal selbst darf man fahren, um die humanitären Aktionen der Ägypter zu beobachten. Zwischen der letzten größeren Stadt Al Arisch und dem 40 Kilometer entfernten Übergang gibt es zehn Checkpoints. Überall das gleiche Ritual: Pässe zeigen, Palaver der versammelten Geheimdienstleute in ihren braunen Lederjacken und dann das Signal zur Weiterfahrt. Als am Neujahrsabend auf dem Flugplatz von Al Arisch die ersten Verletzten in das saudische und jordanische Rettungsflugzeug geladen wurden, blieben die Ägypter stur. Niemand durfte auf die Basis. Kairo wünscht keine Bilder von Verletzten, wie sie in supermodernen fliegenden Kliniken der anderen arabischen Staaten geladen werden. Auch die zwölf Kilometer lange Grenzbarriere zwischen Ägypten und Gaza ist hermetisch abgeriegelt. Alle Feldwege sind von Sicherheitskräften blockiert. Wer dennoch mit dem Geländewagen eine Lücke findet, dem kann es passieren, dass der erste Dorfbewohner, den er nach dem Weg fragt, sofort den Geheimdienst herbeiruft. Die Nummer haben hier offenbar viele in ihren Handys gespeichert.

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