Zeitung Heute : Napoleon Bonaparte und Oskar Lafontaine

„Der Vergleich ist die Wurzel allen Übels“, sagt Schopenhauer. Hellmuth Karasek wagt es trotzdem.

Hellmuth Karasek

Von Hellmuth Karasek

Eines meiner Lieblingsfeuilletons von Tucholsky war das über die Löcher im Käse und wo die herkommen (aus Emmental natürlich) und dass sich über diese Frage eine Familie entzweien kann. Diese Glosse, inzwischen längst ein Klassiker, entdeckte ich in dem inzwischen längst braungelb gewordenen Band „rororo-Tucholsky“, oder war es „Panther, Tiger und Co“? Egal, jedenfalls war das 1950, das Stück hieß „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“, und Tucholsky hatte ihm als Motto einen Aphorismus von Lichtenberg vorangestellt: „Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren gethan werden. Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr.“

Mir gefiel der Gedankenblitz Lichtenbergs, der inzwischen ganz schön anachronistisch geworden ist, denn wer schreibt noch mit einer Röhre, sprich: Federkiel? Also besorgte ich mir die „Sudelbücher“ von Georg Christoph Lichtenberg, der ein buckliger Zwerg war und als Professor in Göttingen der hellste Geist der Aufklärung, witzig, spöttisch, schwermütig, ein menschenfeindlicher Menschenfreund. Und in den „Sudelbüchern“, einer unerschöpflich sprudelnden Quelle aus Gedanken, Beobachtungen, Einfällen und Merkwürdigkeiten, stieß ich auf die Überlegung Lichtenbergs, wie sich Groß und Klein, Banales und Erhabenes vergleichen lassen:

„Er hatte die Eigenschaften der größten Männer in sich vereint. Er trug den Kopf immer schief wie Alexander und hatte immer etwas in den Haaren zu nesteln wie Cäsar. Er konnte Kaffee trinken wie Leibniz, und wenn er einmal recht im Lehnstuhl saß, so vergaß er Essen und Trinken darüber wie Newton, und man mußte ihn wie jenen wecken. Seine Perücke trug er wie Dr. Johnson und ein Hosenknopf stand ihm immer offen, wie dem Cervantes.“

Dazu passt die Geschichte von Kaiser Franz Joseph. Der nämlich war nach einem Klavier-Konzert sehr beeindruckt und ließ sich den Virtuosen anschließend in seine Loge kommen, um dem Mann Komplimente zu machen. Also sagte seine Majestät: „Ich hab’ den Liszt gehört. Und ich hab’ den Chopin gehört. Aber so wie Sie geschwitzt hat keiner! Ich gratuliere!“

1986 war ich zum ersten Mal mit Billy Wilder und seiner Frau essen, im „Spagos“ in Hollywood. Mit Billy Wilder konnte ich Deutsch sprechen und mit dem Wirt, Wolfgang Puck, der Steiermärker oder Tiroler ist, vielleicht Kärntner, auch Österreichisch. Aber Audrey Wilder verstand kein Wort Deutsch, und so sprachen wir am Abend vorwiegend Englisch. Und nach zwei Stunden sagte Frau Wilder zu ihrem Mann, indem sie auf mich zeigte: „Er erinnert mich ganz stark an Gottfried Reinhardt. Aber total!“ Ich wusste nicht, ob ich geschmeichelt oder erschrocken sein sollte. Gottfried Reinhardt, der Sohn von Max Reinhardt, des berühmtesten deutschen Theatermannes vor 1933, der in Hollywood ein erfolgreicher Film-Produzent wurde und mit Salka Viertel lebte, die den nostalgischen „Kaffeeklatsch“ für deutsche Emigranten in ihrem Haus abhielt. Was meint Frau Wilder mit diesem Vergleich, dachte ich. Meinen Charme, meinen sprühenden Intellekt, gar meine Bildung? Nichts davon. Sie erklärte mir, dass Reinhard einen genau so schaurigen deutschen Akzent hatte, wenn er Englisch sprach. Wilder tröstete mich: Ihm habe kürzlich eine Stewardess gesagt, er erinnere sie an Arnold Schwarzenegger. Und als er schon stolz den Bizeps gespannt hatte, sagte sie: „Der hat den gleichen Akzent.“

Überhaupt liebte Wilder solche schiefen Vergleiche. Als Gary Cooper bei den Dreharbeiten zu „Liebe am Nachmittag“ beim Tanzen nie den Takt fand, nannte ihn Wilder seinen Hoppla-Nidschinski und sagte: Gary, du hast van Goghs Ohr für die Musik!“

So komme ich zu Oskar Lafontaine, den man, als er noch Ministerpräsident an der Saar war, den Napoleon des Saarlandes genannt hat. Oskar Bonaparte!Napoleon Lafontaine! Herrlich! Und Saarbrücken Paris! Ich glaube auch, dieser Vergleich war tückisch schief. Er spielte auf Lafontaines Ehrgeiz und Körpergröße an, die beiden gemeinsam waren, dem Sieger von Jena und Auerstedt und dem Männerfreund Schröders, der ihm später sein Waterloo bereitete. Und war Hombach Lafontaines Blücher oder Wellington?

Man kann sich mit Vergleichen auch vertun, wie Hertha-Däubler-Gmelin es tat, als sie George W. Bush mit Hitler verglich. Mit Hitler soll man niemanden vergleichen außer, und auch nur zur Not, Hitler selbst. Auch nicht Saddam Hussein oder Möllemann, auch wenn beide einen Schnurrbart haben. Ludwig Stiegler, der bayerische SPD-Mann mit dem kleinen oder gar großen Latinum, wiederum hat Bush mit einem römischen Kaiser verglichen, ob mit Nero oder Caligula oder Augustus, war nicht ganz klar. Aber Stiegler vergleicht ja auch die ejaculatio praecox mit Rürups Rentenkommision, ganz merkwürdig – ein Schuss in die Röhre! Siehe Lichtenberg.

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