Zeitung Heute : Napster: Wie lange noch?

Markus Ehrenberg u. Hendrik Vöhringer

Verwirrung um Napster: Wie lange gibt es die Musiktauschbörse noch, nach der schweren Gerichtsniederlage am Montagabend? Wie lange können die 60 Millionen Nutzer noch kostenlos ihre Lieblingssongs aus dem Netz ziehen? Und wann kehren sie Napster den Rücken? Zunächst einmal will die Firma Berufung einlegen. Das kündigte Staranwalt David Boies an. Die Tauschbörse fürchtet, dass sie nach der Entscheidung des Bundesberufungsgerichts in San Francisco bereits vor einer endgültigen Klärung des Streits zur Schließung gezwungen werden könnte.

Die Bundesrichter hatten in Grundzügen eine einstweilige Verfügung gegen Napster bestätigt, die von der Musikindustrie angestrengt worden war. Napster war von der Musikindustrie verklagt worden, weil Musikstücke im digitalen MP3-Format über die Website des Unternehmens mit einer speziellen Software im Internet aufgespürt und gratis heruntergeladen werden können. Dadurch sahen Plattenlabels und Künstlerverbände ihre Rechte verletzt. Sie erlitten nach eigenen Angaben durch Napster Milliardenverluste.

Nach dem aktuellen Urteil wird das Internetunternehmen zwar nicht direkt geschlossen, doch äußerten die Richter ernste Bedenken gegen das kostenlose Herunterladen von urheberrechtlich geschützter Musik und machten Napster für die Einhaltung des Urheberrechts verantwortlich. Kürzlich war die 1999 von dem 18-jährigen Studenten Shawn Fanning gegründete Firma eine Allianz mit dem deutschen Medienriesen Bertelsmann eingegangen, der Napster zu einem kostenpflichtigen Service umbauen möchte. Dennoch hatte der Branchenverband der US-Plattenindustrie RIAA angekündigt, dass er den Prozess fortsetzen wolle.

Die Musikindustrie feiert das Urteil gegen Napster als Sieg. Doch nicht alle: Bei EMI Hamburg war am Dienstag niemand zu erreichen. Andere Firmen beeilten sich mit einer Stellungnahme. Es sei "ein Sieg für alle Musikschaffenden", sagte der Chef der deutschen Landesgruppe des Phono-Weltverbandes IFPI, Wolfgang Gramatke. "Das geistige Eigentum von Künstlern ist zu schützen und darf ohne Zustimmung nicht öffentlich im Internet angeboten werden."

Auch der japanische Unterhaltungskonzern Sony begrüßte das Urteil. Ein Konzernsprecher in Tokio sagte, die Urheberrechte von Künstlern und Firmen seien gestärkt worden. Außerdem planen Sony und der französische Medienkonzern Vivendi Universal S.A. ebenfalls einen Abonnenten-Service für Musik per Internet (der Tagesspiegel berichtete).

Konkurrent Bertelsmann sieht sich in seiner Politik bestätigt. Das Haus nannte die Gerichtsentscheidung einen wichtigen Schritt nach vorne. "Sie hilft die berechtigten Ansprüche von Copyright-Inhabern und die wichtigen Interessen der Napster-Nutzer auf eine gemeinsame Basis zu bringen." Andreas Schmidt, CEO der Bertelsmann eCommerce Group sagte: "Filesharing ist eine der wichtigsten Zukunftstechnologien. Napster und Bertelsmann arbeiten weiter konsequent am Aufbau eines Mitglied-basierten Napster Service, der von den Rechteinhabern unterstützt wird."

Die Musikkünstler reagierten gespalten auf das Urteil. Die Rock-Band Metallica, die bereits wegen der Verletzung ihrer Urheberrechte gegen Napster geklagt hatte, bewertete das Urteil positiv. Dagegen sagte Billie Joe Armstrong von der Punkband Green Day: "Es ging nie darum, bezahlt zu werden." Er wolle vielmehr, dass die Menschen seine Musik hörten. Ähnlich äußerte sich auch der Rapper von Public Enemy Chuck D. Wegen der Berufung von Napster ist das letzte Wort über die kostenlose Musiktauschbörse noch nicht gesprochen. Die Sache bleibt auch ein Fall für die Anwälte.

Jeffrey D. Neuburger von einer auf E-Commerce spezialisierten Anwaltskanzlei in New York betonte, das Urteil sei ein Meilenstein in der Internetrechtsprechung: "Es sendet eine klare Nachricht und die lautet: Mit Verletzungen von Copyrights kommt man nicht durch." Die Berufungsrichter schickten den Fall jetzt wieder an das Distriktgericht zurück, das die einstweilige Verfügung gegen Napster im vergangenen Jahr erlassen hatte. Vor dem mit Spannung erwarteten Urteil hatten Hunderttausende von Fans am Montag noch einmal pausenlos ihre Lieblingshits heruntergeladen.

Einige dieser Fans zeigten sich am Tag nach der Urteilsverkündung gelassen. Für sie gibt es zwei Möglichkeiten, wenn Napster wirklich verboten wird - oder zu einem kostenpflichtigen Abo-Dienst wird, wie es der neue Teilhaber Bertelsmann für den Sommer plant. "Dann werde ich auf andere Anbieter ausweichen", sagt ein User. "Wenn der Abo-Service nicht zu teuer wird, bleibe ich bei Napster", sagt dagegen eine langjährige Berliner Napster-Userin.

Ob das der Tenor unter den 60 Millionen Nutzern ist? Ganz so dramatisch, wie es die italienische Zeitung "La Stampa" sieht, ist die jüngste Napster-Niederlage vor Gericht wohl nicht - es gibt kostenlose Alternativen wie gnutella oder scour.com: "Das Internet ist das absolutistischste Instrument, das der Mensch je ersann: Ein in Kalifornien verhängtes Urteil beeinflusst das Leben von Millionen europäischen, asiatischen und südamerikanischen Jugendlichen. Das Imperium schlägt wieder zu, und Kolonien müssen sich beugen. Aber das Internet ist auch das anarchistischste Mittel, das der Mensch je erfand: Es entzieht sich fortwährend den Regeln, denn sobald diese aufgestellt werden, ist es bereits darüber hinaus. So wird an dem Tag, an dem für Napster der Vorhang fällt, um in Kürze wieder gegen Bezahlung zu öffnen, in einigen Ecken des Netzes bereits erforscht werden, wie die Gratis-Musik anderweitig angeboten werden kann." Mal sehen, wie die Musikindustrie dann mit diesen Angeboten umgeht.

Im Internet:

www.scour.com

www.napster.com

www.gnutella.wego.com

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