Zeitung Heute : Narben des Terrors

Jochen Bittner

Michael Bradley redet hastig und außer Atem, als wäre alles nur ein paar Minuten her. Seine Augen flattern, seine Lippen zittern, jeder Satz ein neuer Erklärungsversuch. "Verdammt, ich hatte mir so fest vorgenommen, mich diesmal nicht aufzuregen."

Seine linke Hand nimmt den Kugelschreiber vom Tisch, rührt in der Luft herum, legt den Schreiber beiseite, schiebt die Teetasse vor und zurück. So hektisch, als müsste sie alle Gesten für den rechten Arm mitmachen. "Er ist noch dran, aber das ist auch alles." Seit 30 Jahren ist die rechte Hand steif, der Arm mit diesen vernarbten Höhlen schwach und kühl. Beim Anziehen, beim Ausziehen, beim Waschen, bis heute braucht Michael bei jeder Kleinigkeit Hilfe, und noch immer ist es ihm jedes Mal peinlich.

Nachts liegt Michael manchmal weinend und fluchend im Bett. "In solchen Momenten frage ich mich, warum die Soldaten mich damals nicht auch einfach umgebracht haben."

Es ist der 30. Januar 1972, ein Sonntag. Im nordirischen Derry sterben 13 Katholiken im Kugelhagel eines britischen Fallschirmjägerregiments, 16 andere werden verletzt. Bombenleger und Heckenschützen, behauptete damals die britische Armee. Friedliche Bürgerrechtsdemonstranten, sagen bis heute ihre Angehörigen und die Verwundeten. Nach 30 Jahren ist es, als erlebte Derry diesen "Bloody Sunday" noch einmal. Denn der Jahrestag des Blutsonntags rückt alte Feindbilder ins Gedächtnis. In Filmen, die in ganz Großbritannien ausgestrahlt werden, in Gedenkfeiern und Ausstellungen kehrt das Massaker zurück - als Bewährungsprobe für einen ohnehin wackligen Friedensprozess. Lauter denn je fordern die Opfer die Aufklärung des Blutbads. Ihre Hoffnung richtet sich auf eine neue Untersuchungskommission. Denn bis heute fehlt noch immer eine für alle Seiten akzeptable, offizielle Aufarbeitung des Bloody Sunday, jenes Auftakt-Kapitels in der Geschichte des Nordirlandkonflikts.

An diesem sonnigen aber kalten Sonntagnachmittag zieht es 15000 Menschen auf die Straßen. Unter dem Banner der Nordirischen Bürgerrechtsbewegung marschieren sie gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen die wirtschaftliche Diskriminierung der Katholiken, vor allem aber gegen die Masseninternierungen von mutmaßlichen Mitgliedern der Untergrundorganisation IRA. Sie sind seit einigen Monaten die Reaktion der britischen Regierung auf einen beginnenden Bürgerkrieg: Allein im Vorjahr hat die Irisch- Republikanische Armee 44 britische Soldaten in Nordirland erschossen oder mit Bomben zerfetzt. Aber noch glaubt die Mehrheit der irisch-nationalistischen Katholiken, dass soziale und rechtliche Reformen dem Morden bald ein Ende machen könnten.

Die Armee hat die Zufahrtsstraßen zum mehrheitlich protestantischen Stadtzentrum von Derry abgesperrt. Die katholischen Demonstranten sollen unter sich bleiben. Als Michael Bradley, zusammen mit ein paar hundert jungen Leuten an der Spitze des Zuges, auf eine der Armeebarrieren stößt, bricht ein Tumult aus. Auch Michael beschimpft die Soldaten, wirft ein paar Steine. Ein beinahe alltägliches Scharmützel in dieser Zeit. Die Soldaten antworten wie üblich mit Gummigeschossen, Tränengas und einem Wasserwerfer. Michael macht sich aus dem Staub. Hinter ihm knallt es immer lauter. Michael dreht sich um und sieht zwei Panzerwagen des Fallschirmjägerregiments auf ihn zurasen. Die Elitesoldaten steigen aus, knien sich auf den Boden und legen ihre Gewehre auf die Menge an. Michael denkt immer noch, dass sie mit Plastikgeschossen feuern. Dann bricht neben ihm Jack Duddy blutend zusammen, ein 17 Jahre alter Junge aus Michaels Straße. Michael will es nicht glauben: Scharfe Munition! Wollen sie uns alle umbringen? Michael verliert die Kontrolle. Mit hochgerissenen Armen geht er den Soldaten entgegen, ballt die Fäuste und brüllt "Ihr Bastarde! Na los, erschießt mich!"

Keine zwei Sekunden später spürt Michael einen Aufprall, als haue ihn ein Schwergewichtsboxer um. Eine 7,62-Millimeter-Patrone schießt durch seinen linken Unterarm, bricht ihn glatt durch, tritt aus, fängt vor seiner Brust an zu rotieren, schlägt mit der Breitseite in den rechten Unterarm ein, zersplittert Knochen und Nerven und hinterlässt unterhalb des Ellenbogens ein klaffendes Loch. Eine zweite Kugel dringt fast zeitgleich oberhalb des Nabels ein, bohrt sich durch die Bauchdecke und tritt über dem rechten Hüftgelenk wieder aus. Michael taumelt ein paar Schritte rückwärts, fällt auf die Knie und sieht Blut aus seinen Ärmeln laufen.

Michael sieht heute, mit seinen 52 Jahren, dem schütteren, schlohweißen Haar und den hängenden Augenlidern aus wie Mitte 60. Er ist dankbar fürs Zuhören, "Gott segne dich", wenigstens einer mehr, der die Wahrheit erfahre: Dass er nie in der IRA gewesen sei, nie eine Benzinbombe auf die Soldaten geworfen und nie auf sie geschossen habe. "Ich erwarte nicht mehr viel vom Leben, aber das will ich noch: die Erklärung der Briten, dass ich kein Krimineller bin."

Keiner der Fallschirmjäger musste sich je vor einem Gericht verantworten. Stattdessen hängt den Toten und Verletzten weiterhin ein zweifelhafter Ruf an. Unmittelbar nach dem Bloody Sunday kam eine eilig installierte britische Untersuchungskommission zu dem Ergebnis, dass "eine beträchtliche Anzahl von Zivilisten in der Umgebung mit Schusswaffen bewaffnet waren. Es wäre nicht überraschend, wenn ebenso viele Kugeln auf die Truppen abgefeuert wurden, wie sie selbst abfeuerten." Aus Sicht der Opfer eine Pervertierung der Wahrheit, welche die Unschuldigen schuldig stempelt und die Schuldigen unschuldig. 26 Jahre hat es gedauert, bis nach der Unterzeichnung des Belfaster Friedensabkommens zwischen pro-irischen Katholiken und pro-britischen Protestanten im April 1998 der britische Premierminister Tony Blair in Derry eine neuerliche Untersuchung zum Bloody Sunday eröffnete. Drei Richter aus England, Kanada und Neuseeland sollen bis zum Jahr 2004 insgesamt mehr als 500 Zeugen hören. Klären, welche Rolle die IRA spielte, welche Seite tatsächlich den ersten Schuss abgab.

Unstreitig ist ein zentraler Teil des Geschehens. Nach den anfänglichen Schüssen rücken die Fallschirmjäger in den katholischen Bezirk der Stadt vor. Sie erschießen Michael Kelly, einen 17 Jahre alten angehenden Elektroingenieur. Gleich darauf Kevin McElhinney, ebenfalls 17. Patrick Doherty, 31, Vater von sechs Kindern, sucht nach Deckung, als eine Kugel neben seinem Rückgrat einschlägt und seinen Oberkörper durchbohrt. Minutenlang liegt er wimmernd am Boden, bis Bernard McGuigan, 41, der sich hinter einer Telefonzelle in Sicherheit gebracht hat, das Stöhnen des Verletzten nicht mehr ertragen kann. Er zückt ein weißes Taschentuch, hält es in die Höhe, und geht in gebückter Haltung auf den Verletzten zu. Dann trifft ihn eine Kugel ins Auge, er ist sofort tot.

Tony Doherty kann gut verstehen, dass die Leute in Derry ihn bis heute den "Sohn des Bloody Sunday" nennen. Als sein Vater Patrick starb, war Tony neun Jahre alt, und wenn er heute davon erzählt, warum er mit 16 der IRA beitrat, fällt oft das Wort "Erbschaft". Wollte er töten? "Ja, ich denke, ich wollte mich rächen. Ich wollte dem Staat schaden, der meinen Vater getötet hatte." Nach dem Bloody Sunday wollten Hunderte in die IRA eintreten. Sechs Monate nach dem Bloody Sunday, am Freitag, den 21. Juli 1972, zündet die IRA im Stadtzentrum von Belfast innerhalb von 75 Minuten 22 Bomben. Neun Menschen werden getötet, 130 zum Teil schwer verletzt; "Bloody Friday", eine weitere Landmarke im Bürgerkrieg, der noch mehr als 3500 weitere Opfer fordern soll.

1981 wird Tony Doherty verhaftet und wegen IRA-Mitgliedschaft, Waffenbesitz und eines Bombenanschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Seit seiner Entlassung 1985 engagiert er sich bei Sinn Féin (Gälisch für "Nur wir selbst"), dem politischen Arm der republikanischen Bewegung, unterstützte sogar den Friedensprozess. Und doch, seine Rhetorik bleibt feindselig: " Diese Ungerechtigkeit des Bloody Sunday ist wahrscheinlich härter zu ertragen als die Morde selbst."

Margaret Wray war 19, als ein Fallschirmjäger ihrem Bruder in den Rücken schoss, obwohl er, wie mehrere Augenzeugen berichteten, schon schwer verletzt auf dem Boden lag. "Für mich war es kein Mensch, der meinen Bruder tötete, es war ein wildes Tier." Margaret war damals eine einfache Arbeiterin, die sich vor allem für Jungs und Musik interessierte. Nach dem Bloody Sunday sprach sie mit ihren Kolleginnen in der Fabrik fast nur noch über Politik. Eine Rebellin, die gerne selbst ein Gewehr in die Hand genommen hätte. "Wäre ich keine Frau, würde ich mir einen Soldaten greifen und ihm antun, was meinem Bruder angetan wurde."

Auch John Nash hat seinen Bruder verloren. Der 19-jährige William kauerte hinter einer Barrikade, als die Fallschirmjäger ihn unter Beschuss nahmen. John saß nur ein paar Meter entfernt. Heute kann er sich an nichts mehr erinnern. Seine Garage steht voller Aktenordner über die Ereignisse jeses Sonntags. John trifft sich oft mit Michael Bradley. Dann ärgern sie sich zusammen über die "Parteilichkeit" auch der neuen Untersuchungskommission. Michael atmet schwer, und John rauchteine Zigarette nach der anderen. "Wir haben es mit den Briten zu tun", sagt er, "und wir müssen mindestens genauso gut sein wie sie."

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