Zeitung Heute : Nass rasieren

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Es ist ja so, wie jedermann weiß, dass am Fuß des Follikels, also im Drüsenbläschen oder auch Haarbalg, dort also, tief in der Unterhaut, die Wurzel sitzt. Manch einer sagt Papille dazu, aber das ist jetzt mal egal. Auch hausen dort Zellen und wenn die nach ihrer Entstehung absterben, härten sie aus und bilden den Haarschaft. Der wird dann - von wem auch immer - durch die Öffnung des Follikels in Richtung Hautoberfläche gedrückt. Oben angekommen, nennt man es Bart und der drückt sich im Monat etwa sieben Millimeter durch die Hautoberfläche. Im Laufe eines durchschnittlichen Männerlebens addieren sich diese sieben Millimeter auf sieben bis acht Meter. Damit Mann nicht stolpert, rasiert Mann sich.

Paul jetzt auch. Oder bald, auch Pubertisten haben Follikel und Pauls Follikel haben sich geöffnet und an den Schläfen, am Kinn und über der Oberlippe schon mal ein paar Zentimeter Flaum von den zu erwartenden sieben bis acht Metern rausgedrückt. Beim großen Konrad, dem Mitpubertisten von Paul, haben sie derart gedrückt, dass der große Konrad schon seit einigen Wochen einen Rasierer besitzt, dessen Klingen so scharf sind, dass sie hinter Gittern müssen. Paul erzählte das neulich beiläufig und fuhr sich dabei mit der Hand auffällig beiläufig durchs Gesicht. So lange, bis der Vater endlich fragte, ob Paul denn auch einen Rasierer bräuchte. „Mhm“, sagte Paul, „mhmjo.“

Und dann waren Paul und der Vater einmal einkaufen und standen an der Kasse, da wo die Quengelware liegt für die kleinen Kinder und die Rasierer hängen – auch für die Pubertisten. „Schau’“, sagte Paul, „so einen hat der große Konrad“ und jetzt hat Paul so einen ähnlichen. Der heißt Mach3. Warum? Wahrscheinlich, weil er nach Ernst Mach benannt wurde, dem österreichischen Physiker, der 1916 in (aha) Haar, was bei München liegt, verstarb. Vorher hat er noch herausgefunden, dass die Geschwindigkeit eines Körpers in Relation zu der ihn umgebenden Atmosphäre zu sehen ist und die Machzahl erfunden. Demnach entspricht Mach1 auf Meereshöhe und unter normalen Umweltbedingungen einer Geschwindigkeit von 1220 km/h. Berlin liegt 47 Meter über der Meereshöhe, die Wohnung, in der Paul lebt, im ersten Stock. Macht zusammen etwa 51 oder 52 Meter. Beim Gedanken daran ist dem Vater etwas anders geworden und er mochte sich gar nicht vorstellen, wie Paul aussieht, nachdem er sich mit Mach3, also mit 3660 km/h, durchs Gesicht gefuhrwerkt ist. Herrgott, das kann ja zu PFB führen, zu dieser entzündlichen Hautreizung, auch bekannt als Pseudofolliculitis barbae.

Dann war der Vater zwei Tage aushäusig gewesen und als er am Abend wiederkam, kam auch Paul ins Zimmer. Tagsüber war Luise da gewesen, Luise, mit der Paul jetzt schon ziemlich lange sehr innig ist. „Paul sag“, sagte der Vater, „du hast da so einen blutunterlaufenen Streifen am Hals. Mach3? PFB? Erste Rasur?“ Schweiß stand dem Vater auf der Stirn. „Ach nein“, sagte Paul, „das ist nur ein Knutschfleck.“ Aha, mhm, sagte der Vater und kratzte sich die Bartstoppeln.

Buchtipp: Barbara Strauch, „Warum sie so seltsam sind. Gehirnentwicklung bei Teenagern“. Berlin Verlag 2003. 19,90 Euro.

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