Zeitung Heute : Nationalstolz: Die Wahren und die Echten

Bernd Ulrich

Die CDU ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets ... Aber fangen wir historisch an: Es gab einmal einen grünen Abgeordneten, der hieß Hubert Kleinert. Am 10. November 1989 bekam Kleinert furchtbaren Ärger mit der grünen Basis, weil er am 9. November im Bonner Wasserwerk, das damals als Parlament diente, aufgesprungen war. Gerade eben hatte man erfahren, dass in Berlin die Mauer gefallen war, da erhoben sich Abgeordnete aller Fraktionen und sangen spontan die Nationalhymne. All das konnte man im Fernsehen hören und beobachten; auch dass Kleinert aufgesprungen war. Die daheim vor dem Fernseher sitzende grüne Basis war wütend, weil sie glaubte, ihr Mann habe mitgesungen. Kleinert verteidigte sich, er sei nur aufgesprungen, um dieser furchtbaren patriotischen Erhebung zu entfliehen.

So war das früher. Und so ist es heute: Kerstin Müller liebt ihr Land und ist stolz auf vieles, was hier geleistet wird. Wenn beispielsweise Flüchtlinge gegen rechtsextreme Übergriffe verteidigt werden. Und Claudia Roth, auch eine linke Grüne, schaut mit schönen Augen zu Heiner Geißler auf, der in einem Zwischenruf erklärt, dass zuerst natürlich das Christsein komme, anschließend das Demokratsein, dann aber auch das Deutschsein. Da nickt Frau Roth, die kurz zuvor in ihrer Eigenschaft als Claudia den Umweltminister geherzt hatte. Soviel Vaterlandsliebe ist plötzlich unter den Grünen, dass man sich gewünscht hätte, es wäre für einen Moment ganz still im Reichstag, damit man Jürgen Trittin, der die ganze Zeit mit fromm gefalteten Händen dasaß, die deutsche Nationalhymne summen hören könnte.

Der Mann, um dessentwillen man sich hier zusammengefunden hat, sagt an diesem Tag nichts. Doch hatte er schon am Abend zuvor im Fernsehen einen ganz neuen Charakter vorgeführt, den sanftesten Jürgen Trittin, den es je gab. Auf die Frage, ob hinter seiner Arroganz nicht auch Unsicherheit stecke, wollte er gar nicht mehr flapsig antworten, sondern entrang sich sowas wie Zustimmung. Ja, ich bin auch nur ein Mensch.

Und jetzt sitzt dieser Mensch mit seinen gefalteten Händen auf der Regierungsbank, die ihm heute als Sünderbänkchen dient. Und ist stolz. Wenn nicht auf Deutschland, dann doch erkennbar auf seine Fraktionsvorsitzende Kerstin Müller, die eine gute Rede zu seiner Verteidigung hält. Man kann also doch stolz sein auf Dinge, die man nicht selbst vollbracht hat.

Noch stolzer darf Jürgen Trittin aber auf seinen Kontrahenten im Kabinett sein, auf Werner Müller. Der parteilose Wirtschaftsminister ist an diesem Tag ganz Partei. "Ich schätze Jürgen Trittins Eintreten für gemeinsam gefundene Kompromisse." Bei jedem anderen hätte das wie eine süffisante Spitze auf Trittins Opportunismus gewirkt. Nicht bei Müller. Ihn zum Haupt-Apologeten des ungeliebten Umweltministers zu machen, war der geniale und alles entscheidende Regieeinfall der Koalition. In ruhigem Ton, im grauen Anzug, aber mit glänzender Rhetorik fertigte er die "Selbstgerechtigkeit der Opposition" ab. Und versetzte ihr, weil das besonders schmerzt am Schluss, einen Ratschlag mitten ins Gesicht: "Konzentrieren Sie sich auf den Versuch einer guten Sacharbeit, damit man in Deutschland stolz sein kann, auch auf eine gute Opposition."

Das war natürlich ein bisschen ungerecht. Denn Union und FDP bewirken ja was mit diesen Debatten um Leitkultur, Fischer-Vergangenheit, Stolz und unpatriotische Umweltminister. Nicht gerade die Entlassung des Ministers. Jedenfalls nicht die sofortige. Die wurde mit großer Mehrheit abgeschmettert. Sie erringen auch keine rhetorischen Siege. Dafür klingen ihre Pfui-Rufe zu sehr nach altem Reichstag, nach Weimar, wie in Sütterlin ins Plenum geworfen. Nein, auch Guido Westerwelle - um den man sich Sorgen machen muss, weil er von Tag zu Tag unechter wird in seinem vorgeschützten staatssteifen Gestus -, auch er schaffte es nicht, die Regierung in Verlegenheit zu bringen.

Tatsächlich macht die Opposition sich mit ihren Feuilleton-Debatten in ganz anderer Weise ums Vaterland verdient: Die rot-grüne Regierung wird unter diesem Druck immer klüger und immer besser. Und immer Trittinloser. Das ist wirklich entsagungsvoll, das nennen wir wahren Patriotismus.

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