Zeitung Heute : Natürlich hilft sie

Heilung durch Schwefel, Bärlapp oder Sepia – 75 Prozent der Deutschen vertrauen bereits der Homöopathie. Wie wurde ihre Wirkung entdeckt? Eine deutsche Erfolgsgeschichte.

Irene Meichsner

Martin Nelles (Name geändert) ist Rechtsanwalt und hat einen scharfen Verstand. Als notorischer Skeptiker glaubte er, dass Homöopathie „mehr oder weniger Humbug“ sei. Bis ihm eines Tages ein stechender Schmerz in den Rücken schoss und ihm eine befreundete Homöopathin „Sulfur (Schwefel) C 200“ verschrieb. Nelles schluckte das winzige, weiße Kügelchen. Und war baff. Nach einer kurzen, heftigen Schmerzattacke spürte er im Rücken nur noch ein dumpfes Gefühl, das bald darauf verschwand.

Zufall! Einbildung! Suggestion! – sagen dazu Schulmediziner. „Sulfur C 200“ enthält kein einziges Schwefelmolekül mehr (siehe Kasten „Herstellung“). Trotzdem sollen solche Arzneien heilende Wirkung entfalten?

Dass Homöopathie wirkt, lässt sich kaum noch bestreiten. Viele Homöopathen waren ursprünglich überzeugte Schulmediziner und besuchten die Fortbildungskurse der Ärztekammern. Über 4500 Mediziner tragen inzwischen in Deutschland die Zusatzbezeichnung „Arzt für Homöopathie“, rund 80 Prozent davon niedergelassene Ärzte, 20 Prozent in Kliniken. Auch bei den Patienten ist die Akzeptanz hoch: Einer aktuellen Umfrage zufolge wollen rund 75 Prozent der Deutschen mit homöopathischen Mitteln behandelt werden.

Man müsse bei Krankheiten stets dasjenige Mittel wählen, das bei einem gesunden Menschen eine „ähnliche“ Krankheit erzeugen könne: So lautete das Credo von Samuel Hahnemann (1755-1843), dem sächsischen Begründer der Homöopathie. „Ähnlich leiden“ heißt auf Griechisch „Homoios pathos“, daher der Name „Homöopathie", mit dem Hahnemann sich von seinen Kritikern distanzierte, den von ihm so genannten „Allopathen“, die Krankheiten mit „andersartigen“ Medikamenten behandeln würden.

Heilmittel aus Tintenfisch

Homöopathische Arzneien können aus dem Reich des Anorganischen stammen wie Sulfur, Phosphor oder Silicea (Kieselsäure). Sie werden aus Pflanzen gewonnen wie Pulsatilla (Küchenschelle) oder Lycopodium (Bärlapp). Einige sind auch tierischer Herkunft wie Sepia, das aus dem Tintenbeutel des Tintenfischs gewonnen wird. Die Symptome, die sie – nach homöopathischer Zubereitung – bei Gesunden auslösen können, stehen in der homöopathischen „Arzneimittellehre“. Sie enthält die Ergebnisse unzähliger „Arzneimittelprüfungen“, bei denen Freiwillige notieren, welche Symptome die Einnahme einer Substanz auslöst.

Jeder Patient muss, wie Martin Nelles, seinem Homöopathen eine Flut von Fragen beantworten, diese „Erstanamnese“ dauert mindestens eine Stunde. Wie genau fühlt der Schmerz sich an – reißend, klopfend oder dumpf? Irgendwelche Hauterscheinungen? Wie ist die Verdauung – dunkel, hell, weich oder fest? Gibt es ein Verlangen nach oder eine Abneigung gegen bestimmte Speisen? Besserungen oder Verschlimmerungen bei Ruhe oder Bewegung, in der Wärme oder Kälte, morgens, abends oder mitten in der Nacht? Wie war bei Frauen die Menstruation? Und wie steht es um das Gemüt?

Die erfragten Symptome gleicht der Homöopath mit seiner Arzneimittellehre ab. Sie werden geordnet und hierarchisiert, bis es schließlich heißt: in diesem speziellen Fall sei „Sulfur C 200“ das Mittel der Wahl. Bei einer anderen Konstellation ähnlicher Krankheitszeichen kann auch eine völlig andere Arznei angezeigt sein. Jeder Fall zeichnet sich Hahnemann zufolge durch eine Kombination „nie vorher genau so“ dagewesener Symptome aus.

Chronische Krankheiten heilen nach homöopathischer Vorstellung stets von innen nach außen und von oben nach unten, wobei die Krankheitssymptome in der umgekehrten Reihenfolge ihres Entstehens wieder verschwinden. Anfangs kann es zu einer kurzzeitigen „Erstverschlimmerung“ kommen, über die der Homöopath aber gar nicht unglücklich ist, weil sie ihm zeigt, dass er mit seinem Mittel richtig lag.

Kritiker reagieren darauf bestenfalls mit einem Achselzucken, verweisen auf den Placebo-Effekt, die anerkannte Wirkung von Scheinmedikamenten. Der Schweizer Pharmakologe Wolfgang Hopff, ein entschiedener Gegner der Homöopathie, erklärte sich den „größten Teil homöopathischer Erfolge“ mit „biologischen Selbstregulationsmechanismen“. In der Regel handle es sich ohnehin um „eingebildete Krankheiten“.

Lebenskraft stimulieren

Bronchitis, Durchfall, Migräne – alles nur eingebildet? Allergien, Neurodermitis, Magengeschwüre – von allein gebessert oder verschwunden? Bei Homöopathen landen oft Patienten mit schweren oder chronischen Krankheiten, denen die Schulmedizin nicht helfen konnte. Der Deutsche Zentralverband Homöopathischer Ärzte (DZVHÄ) schätzt ihre Zahl auf über eine Million. Es sind Handwerker, Professorinnen, Kaufleute, Bäcker, Journalistinnen und Feuerwehrleute – Menschen aus allen Bildungsschichten. Auch so unterschiedliche Prominente wie der britische Thronfolger Prinz Charles oder die Sängerin Nina Hagen setzen auf Homöopthie.

Die Wirkung seiner Arzneimittel stellte Hahnemann sich so vor, dass sie eine krankhaft „verstimmte“ Lebenskraft wieder ins Lot brächten. Er verstand Krankheiten als „dynamisch veränderten Zustand“ des ganzen Menschen, ordnete sie nicht einzelnen Organen zu. Da der Körper von der „Affection“ durch die homöopathische Arznei „stärker ergriffen“ werde als von der „schwächeren Krankheitsaffection“, müsse er letztere „nothwendig fahren lassen“. Der Streit um seine Medizin war ihm letztlich egal. Da sich ihre Gesetze „in allen echten Erfahrungen der Welt beurkundet“ hätten, komme „es auf die scientifische Erklärung, wie dies zugehe, wenig an, und ich setze wenig Wert darauf, dergleichen zu versuchen“. Vielleicht haben ihn seine Schüler hier zu wörtlich genommen. Denn die Nachwelt würde schon gerne wissen, wie Homöopathika die Lebenskraft wieder wecken.

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