Zeitung Heute : Negative Energie im Tatort der ARD

Kerstin Decker

Tatort ARD. In Wien herrscht derzeit Weltuntergangsstimmung. Aber mit dem Rechtspopulisten Jörg Haider hat dieser Tatort vom ORF weniger zu tun, eher schon mit Nostradamus und dem Pornomilieu, das gerade durch einer Serie von Ritualmorden dezimiert wird.

Thomas Roth will, dass man seinem Film die Angst vor der Apokalypse ansieht. Also doch Haider? "Die Menschheit strahlt zuviel negative Energie ab." Und wo viel Strahlung ist, da ist viel Schatten. Das Fatum der Aufklärung. Darum die warnenden Hell-dunkel-Kontraste, mit denen wir regelmäßig geblendet und gleichzeitig im Dunkeln stehen gelassen werden. Wir haben verstanden: Keine Macht dem Bösen! Böse ist, was der Fortschritt so nebenbei und eher unbeabsichtigt mitproduziert. Also so etwas wie Jörg Haider und der Opernball?

Die polizeilichen Verfolger des Bösen sind erfreulicherweise nicht ohne wienerischen Charme zynisch: "Bei der Chinesen-Mafia war es lustiger!" Aber sicher nur halb so bildsam. Spätestens das Handy des Ertrunkenen, das seinen nassen Besitzer noch tagelang beharrlich klingelnd überlebte, ließ uns wieder an den Fortschritt glauben. Unfortschrittlich dagegen ist es, die Johannesapokalypse wörtlich zu nehmen. Die Folgen schlampiger Lektüre können furchtbar sein, wie wir nicht erst seit Peter Sloterdijk wissen.

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