Zeitung Heute : Nein sagen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Nein, so weit hätten wir es niemals kommen lassen dürfen. Dass wir uns in der Küche gegenüberstehen und über die richtige Erziehung unserer einjährigen Tochter streiten. „Ich habe sie nicht geschlagen“, verteidigt sich meine Frau, „sie hat nur einen Klaps auf den Handrücken bekommen.“ Aber ich bleibe unversöhnlich: „Ich will nicht, dass unsere Tochter mit Gewalt erzogen wird.“ Ich höre mich reden, aber ich traue meinen Worten selber nicht. Vor wenigen Monaten hatte ich bei Diskussionen mit Freunden noch mit Verständnis für den Angriff der USA auf den Irak Aufsehen und Verachtung geerntet, und jetzt mime ich hier vor meiner Frau den Küchen-Gandhi. Und während wir uns streiten, hockt Emma zwischen uns auf dem Fliesenboden und folgt unserem Wortgefecht mit rätselnden Blicken.

Emma hat zurzeit viele Rätsel zu lösen, und darum ist sie ständig auf Entdeckungstour. Vom Korb mit der schmutzigen Wäsche geht die Reise ins Badezimmer, wo sie das Toilettentischchen abräumt, von dort aus zum Bücherregal. Sobald hier tabula rasa gemacht ist, krabbelt sie weiter in die Küche. Diesmal war das Ziel einer unserer Küchenschränke. Meine Frau Francesca hatte Emma mehrfach verwarnt, Platzverweise erteilt und die Schranktür wieder und wieder geschlossen. Aber sie hätte wohl ewig so weitermachen können. Es gibt nämlich noch etwas, das Emma gerade entdeckt hat: Sie kennt neuerdings den Unterschied zwischen Ja und Nein, das heißt vielmehr zwischen Nicken und Kopfschütteln. Das Problem an diesem an sich begrüßenswerten Erkenntnisfortschritt ist, dass Emma eine besondere Neigung zum Nein entwickelt hat. „Emma, gibst du Papi einen Kuss?“ Heftiges Kopfschütteln. „Emma, du musst aber noch ein bisschen Milch trinken…“ Krampfhaftes Winden im Hochstuhl. „Jetzt ist aber Zeit zu schlafen.“ – „Deiii, deiii, deiiiiiin!!!“

Auch vor dem Küchenschrank war alles gute Zureden wirkungslos geblieben. Emma hatte nur mit dem Kopf geschüttelt und unbeeindruckt wieder zu der eben geschlossenen Schranktür gegriffen. Francesca hatte Emma auf den Arm genommen und in ihrer Spielecke im Schlafzimmer abgesetzt, doch dort war sie keine Minute lang geblieben. Zielstrebig war sie zurückgekrabbelt, hatte Badezimmer, Bücherregal und andere beliebte Stationen links liegen lassen und war ohne Umwege auf den Küchenschrank zugesteuert. So war es gekommen, wie es kommen musste. Emma zog ein gläsernes Dessertschälchen aus dem Schrank, öffnete ihr Händchen und erprobte die Macht der Schwerkraft, die das Schälchen verlässlich zu Boden riss und mit spitzem Klirren zu Scherben zerkleinerte. Francesca verlor die Nerven. Emma bekam einen Klaps, schaute ihre misshandelte Hand an, blickte, ohne eine Miene zu verziehen, zu ihrer Mutter auf – und krabbelte davon. Schrank und Scherben hatten ihren Reiz verloren. Erst der Erziehungsstreit ihrer Eltern lockte sie in die Küche zurück.

Gegen kindlichen Trotz hilft nur Austoben, im Winter am besten auf einem der vielen Indoor-Spielplätze der Stadt. Eine Übersicht gibt es auf der Internet-Seite www.berlin.kinder-stadt.de (unter der Rubrik Freizeit/Spielplätze) .

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben