Zeitung Heute : Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Burkhard Schröder

Das Internet ist ein Tummelplatz von Neppern, Schleppern und Bauernfängern. Die bunte Oberfläche des Web verführt dazu, den Schein für die Realität zu nehmen. Hochstapler nutzen die Gutmütigkeit vieler Menschen aus und bitten um Spenden für scheinbar gute Projekte, die in Wahrheit nicht existieren. Der so genannte "Internet-Notruf Deutschland e.V." wendet sich an Surfer, die online eine psychologische Beratung suchen. Die Seite wird von Ralf Sokoll verantwortet, der sich noch vor einigen Monaten als "Direktor" eines "Innovativen Schüler-Schutzbundes" präsentierte. Selbst seriöse Medien berichteten wohlwollend über ihn und sein Projekt, obwohl das meiste, was auf seinen Websites zu lesen steht, offenbar mehr seiner Fantasie entspringt.

Das Rezept ist einfach. Der "Notruf" gibt vor, bei fast allen Problemen online und per E-Mail Hilfesuchende an Berater zu vermitteln: Gewalt durch Eltern, Lehrer, Partner, Mobbing, Alkoholsucht, Bulimie, Erpressung, Missbrauch, Schulden, Vergewaltigung Lebensängste, Depression. Auch "Kinderpornografie" und Rechtsextremismus (Aussteiger aus der Szene) fehlen nicht. Die Links, die die Website Sokolls anbietet, führen aber zu Angeboten ganz anderer Institutionen. Beispielsweise der Caritas. Diese Seiten werden geschickt in Frames (Rahmen) verpackt, so dass der unbedarfte Surfer denkt, es handele sich um Partner des vermeintlichen "Notrufs".

Die betroffenen Einrichtungen, die vom "Internet Notruf" verlinkt wurden, sind darüber alles andere als erfreut. Sigrid Bürner von der "Bundesvernetzungsstelle autonomer Frauennotrufe" in Kiel, deren Website sich ebenfalls unter Sokolls Adresse zu befinden scheint, sieht in der Vereinnahmung eine "Frechheit". Sokoll habe dafür von ihrer Einrichtung keine Erlaubnis erhalten. Sehr bedenklich sei es, dass dazu aufgefordert werde, Details der persönlichen Probleme per E-Mail zu verschicken, ohne zu

wissen, was mit den Informationen genau geschieht. Sie hält das Angebot des "Notrufs" für "unqualifiziert." Ähnlich äußert sich auch die Caritas. Claudia Beck von der Deutschen Caritas rät, nur bei seriösen Einrichtungen Hilfe zu suchen.

Die "Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung" in München hat sich gegen die zweifelhafte Verklinkung des "Internet-Notrufs" gewehrt. Dort findet der Surfer jetzt den zusätzlichen Hinweis, dass man sich nicht mehr auf der Homepage Sokolls, sondern auf der der Arbeitsgemeinschaft befinde. Deren Sprecher Dr. Moeser-Jantke: "Juristisch könnten wir diese Verlinkung sofort verbieten." Man müsse jedoch abwägen: Wenn Menschen mit Problemen letztlich auf seriösen Seiten landeten, nehme man die Verlinkung wie die des "Internet-Notrufs" in Kauf.

Das Landgericht Köln hat im Mai 2001 diese Art von Werbung verboten, da diejenigen, deren Seiten von einem Dritten innerhalb der Frames angeboten werden, vorher gefragt werden müssen. Besonders dreist ist die Behauptung des "Notrufs", die Maßnahme, "mit der wir 28000 Beratungsstellen direkt an den Internet-Notruf anbinden können", sei umgerechnet gut acht Millionen Euro wert. Selbst ahnungslose Surfer müssten schnell merken, dass auch die vollmundige These, das "Notruf"-Angebot werde auf 50000 Seiten erweitert, noch nicht einmal gut erfunden ist.

Beratung gibt es bei Sokoll nicht per Telefon, sondern, wenn überhaupt, nur per E-Mail. Wer berät, bleibt vage. Angeblich handele es sich um ehrenamtliche "Fachberater/innen". Eine Zentrale in einem Bochumer Bürogebäude, wie die Website in mehreren Bildern suggeriert, oder ein "Bürogebäude des Schülerschutzbundes" gibt es jedoch nicht. Bedenklich, ja zynisch, ist das Angebot, Kinder und Jugendliche hätten die Möglichkeit, sich über den "Internet-Notruf" Rat und Hilfe bei "Gewalt, Erpressung Mißbrauch, Drogen" zu holen.

Websites, die hoch stapeln, aber nicht halten, was sie versprechen, haben drei Ziele: Partner, die sich durch die scheinbar hehren Ziele der Schein-Initiative beeindrucken lassen, sollen das Logo auf ihre Homepage stellen. Das macht mehr Surfer aufmerksam. Sokoll war auch im Usenet präsent, um in mehreren Foren, die sich mit den Problemen Jugendlicher befassen, für seinen "Schüler-Schutzbund" zu werben. "Notruf" und "Schutzbund" sind identische Projekte. Die Partner sollen zweitens Geld überweisen, monatlich einen Euro. Als Gegenleistung werden sie in das Sponsorenverzeichnis aufgenommen. An dieser Stelle behauptet Sokoll schon, der "Notruf" umfasse 100000 Seiten. Und - offenbar an besonders Naive gerichtet - das "Premium"-Angebot: die Partner erhalten ein so genanntes "SSL SecureCenter" im Wert von 1500 Euro. Sokoll nutzt aus, dass technische unbedarfte Surfer davon ausgehen müssen, es handele sich hier um eine besondere Dienstleistung, Anonymität der E-Mail zu garantieren. SSL-Zugänge bietet heute jeder Provider, und der "Notruf" kann die E-Mails und Daten derjenigen sammeln, die auf den Trick hereinfallen.

Einer der "Fachberater" Sokolls ist Florian Mehring, ein ausgebildeter "Supervisor". Mehring gehört zum Umfeld einer Gruppe fundamentalistischer evangelischer Prediger, der "Gesellschaft für Biblisch-Therapeutische Seelsorge", die "Seminare zur Ehevorbereitung und Ehebereicherung" anbieten. Die Prediger sind Anhänger von David Olson, einem Professor an der Universität Minnesota, der ein Programm entwickelt hat ("Preprare"), das zukünftige Eheleute nach einem Punkte-System testet, ob sie zueinander passen. Die Freikirche der Adventisten hat diese Idee nach Europa gebracht, wo sie und die Bücher des Gurus Olson vermarktet werden. Inwieweit solche "Fachberater" des "Internet-Notrufs" bei Problemen wie sexuellem Mißbrauch nützlich sein können oder Hilfe für Aussteiger aus der rechten Szene bieten, bleibt zumindest umstritten.

Interessant wird es, wenn sich in diesem Bereich Gleichgesinnte finden. Vor zwei Jahren versuchte ein Hans-Ruedi Schmutz aus Basel, mit Sokoll ins Geschäft zu kommen. Schmutz gab vor, "Botschafter" der Unesco zu sein, das Internet nach Kinderpornografie zu durchforsten und mit großem Erfolg ein "Schülerschutzprojekt" in Australien installiert zu haben. Der "Botschafter" wollte eine Lizenz im Wert von umgerechnet 400000 Euro verkaufen, um mit den Gewinnen weitere "Notrufzentren" zu schaffen. Schmutz hatte in Bern sogar mit der dortigen Telecom und mit dem Milliardär Karl Schweri über finanzielle Zuwendungen verhandelt.

Der Schwindel flog in der Schweiz jedoch schnell auf, denn Schmutz ist weder ein Botschafter noch geschäftsfähig, sondern nur ein ganz besonders dreister und bei der Polizei gut bekannter Hochstapler. Vielleicht hatte Sokoll den Rat seines christlichen Supervisors gelesen, den der auf seiner Website anbietet: "Übe dich in Vorsicht bei deinen Geschäften. Die Welt ist voller Tricks und Betrug."

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