Zeitung Heute : Nervosität in Teheran

Der Iran fühlt sich eingekeilt, hofft aber, durch aktive Neutralität seine Interessen zu wahren

Birgit Cerha[Beirut]

Mit dem Vormarsch im Südirak stehen die Truppen des iranischen Erzfeindes USA direkt im traditionellen Interessengebiet der Islamischen Republik, in der Heimat der irakischen Schiiten. Schon vor Ausbruch des Krieges gegen den Irak hatte sich der Iran militärisch eingezwängt gefühlt in einen Schraubstock amerikafreundlicher und zum Teil nuklear bewaffneter Mächte: Israel und die Türkei im Westen, Afghanistan, Pakistan und Indien im Osten. Teheran verfolgt die Entwicklungen im westlichen Nachbarstaat in höchster Nervosität. Sowohl der geistliche Führer, Ayatollah Chamenei, als auch Präsident Mohammed Chatami wehren sich gegen diesen Krieg, der „die Welt beleidigt“, und fordern sein sofortiges Ende.

Irans Bevölkerung ist in ihren Gefühlen gespalten. Wie kein anderes Land hatten die Iraner die Brutalitäten des irakischen Diktators Saddam Hussein erlitten. Bis heute laborieren iranische Soldaten an den Folgen der Giftgasattacken, mit denen Saddam in den 80er Jahren auf dem Höhepunkt des achtjährigen Krieges die feindlichen Truppen zu besiegen suchte. Rund 700 000 Iraner verloren ihr Leben, die Sachschäden werden auf mehr als 70 Milliarden Dollar geschätzt. Der Wunsch nach dem Untergang Saddams sitzt tief im Herzen jedes Iraners. Anderseits aber vermögen die Iraner mit der irakischen Zivilbevölkerung mitzufühlen.

Offiziell hält das von internen Machtkämpfen politisch weitgehend gelähmte Regime an einer vor Monaten deklarierten Politik der „aktiven Neutralität“ fest. Noch bis zum Kriegsausbruch pflegte Teheran offizielle Kontakte mit Bagdad. Nun sperrte man den Luftraum für beide Seiten, Amerikaner, Briten wie Iraker. Auch die Grenze ist – vorerst – geschlossen, während die Regierung, mit Hilfe internationaler Organisationen Lager einrichtet, um bis zu 1,2 Millionen Flüchtlinge aufnehmen zu können. Rund 70 Prozent der irakischen Bevölkerung leben in Gebieten, die maximal 150 Kilometer vom Iran entfernt sind. Der Iran hatte sich – im Gegensatz zur Türkei – in der Vergangenheit stets hilfsbereit gezeigt, um in den diversen Krisen des Nachbarstaates massenweise flüchtende Zivilisten aufzunehmen, am Ende des Kuwait-Krieges waren es 1,3 Millionen gewesen. Bis heute leben rund 200 000 irakische Flüchtlinge im Iran.

So sehr die Iraner auch den Sturz des alten Kriegsfeindes am Tigris ersehnen, der Einzug des „großen Satans“ ins Zweistromland erfüllt das Regime mit großem Unbehagen, haben doch die Amerikaner den Iran – neben Irak und Nord-Korea – als „Achse des Bösen“ bezeichnet. Die Gefahr, dass der Iran Washingtons nächstes Ziel sein könnte, erscheint real, insbesondere seit die US-Regierung wiederholt von „harten Beweisen“ dafür spricht, „dass der Iran an der Entwicklung der Kapazitäten für Nuklearwaffen arbeitet“.

Unterirdische Atomfabriken

Nach den Erkenntnissen des US-Geheimdienstes CIA hat der Iran an mindestens 15 Standorten teilweise unterirdische Atomfabriken, Laboratorien, nukleare Forschungs- und Entwicklungszentren errichtet. Auch befürchten die Theokraten in Teheran, die Amerikaner könnten vom Irak aus die oppositionellen Kräfte im Lande stärken und schließlich einen Umsturz des Regimes betreiben.

Dennoch kooperiert die iranische Führung diskret mit der Supermacht. Sie zeigt sich hilfsbereit gegenüber der mit den USA liierten irakischen Opposition, der sie wichtige logistische Unterstützung leistet. Achmed Chalabi, Führer des von Washington unterstützten „Irakischen National-Kongresses“, durfte in Teheran sogar eine von den Amerikanern bezahlte Wohnung beziehen. Die Regierung öffnete auch die Grenze zum Irak für Tausende Milizionäre der im Iran ausgebildeten irakisch-schiitischen Oppositionsbewegung SCIRI (Höchster Rat für die Islamische Revolution im Irak). Sie dürfen nun in den Irak eindringen und könnten den Amerikanern und Briten den Weg nach Bagdad ebnen helfen.

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