Zeitung Heute : Neubabelsberg: Erich Kästner und der Lügenbaron

Claus-Dieter Steyer

Die vornehmlich jungen Bewohner der herrschaftlichen Villa können schon ihre Uhr danach stellen: Pünktlich um 13 Uhr steht jeden Sonntag eine Gruppe neugieriger Menschen am Gartenzaun. Da wird erzählt und mitunter heftig diskutiert. Am Ende überwiegt das Kopfschütteln. Nach zehn bis 15 Minuten ziehen die Menschen weiter. Der nächste Programmpunkt der Führung durch die Villenkolonie Neubabelsberg unter dem Titel "Filmstars, Staatsgrenze und Stalinvilla" wartet. Obwohl die Potsdam-Tourismus-GmbH diese dreistündige Tour nun schon seit einigen Jahren anbietet, gibt es doch immer wieder Neuigkeiten aus diesem Viertel am Griebnitzsee zu vermelden. Wer sich dem Spaziergang zum ersten Mal anschließt, staunt über diese geschichtsträchtige Gegend am Griebnitzsee.

Jene Villa mit den neugierig stimmenden jungen Bewohnern hat sich im Unterschied zu ihrer Umgebung in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. "Wir gehören zu den Potsdamer Hausbesetzern", sagt ein junger Mann selbstbewusst. "Es ist schon jedes Mal ein komisches Gefühl, wenn die Leute am Zaun stehen. Vielleicht ist doch irgendein Reicher dabei, der uns die Villa wegnimmt", meint der Handwerker. Allerdings müsste sich so ein Interessent mit zwei Erbengemeinschaften einigen, die untereinander im Streit liegen. Der Industrielle Hans Gugenheim ließ sich das hübsche Anwesen im Landhausstil von Hermann Muthesius erbauen. Doch wie so viele andere jüdische Eigentümer, musste die Familie Gugenheim nach dem Machtantritt der Nazis die Villa verlassen. Die Schauspielerin Brigitte Horney zog ein.

Wie beim zuletzt von Marika Röck und ihrem Lebensgefährten Georg Jacoby bewohnten Haus in der Domstraße, wurden die Veränderungen im Grundbuch eingetragen. Das erschwert heute die Klärung der Eigentumsverhältnisse. Stets geht es um die Frage, ob die jüdischen Alteigentümer tatsächlich eine angemessene Entschädigung für ihren Besitz erhalten hatten.

So lange können sich auch die Hausbesetzer relativ sicher fühlen. Ohnehin erfuhr die Villa von Gugenheim, dessen Initialen noch das schmiedeeiserne Tor zieren, viele Veränderungen. Zu DDR-Zeiten brachte die Fachschule für Archivwesen hier ein Internat unter. Doch wie um so viele Häuser in Neubabelsberg rankt sich auch um diese Villa eine Legende. Erich Kästner soll auf der einst halbrunden Terrasse das Drehbuch zu dem Film "Münchhausen" geschrieben haben.

Viele andere bekannte Namen fallen während des mit viel Engagement geführten Spaziergangs. Heinz Rühmann lebte hier ebenso eine Zeitlang wie Konrad Adenauer. Der spätere Bundeskanzler wohnte zwischen Mai 1934 und April 1935 in einer schönen Villa in der Rosa-Luxemburg-Straße. Das Haus wird heute von einer Galerie genutzt. Adenauer beklagte sich in seinen Erinnerungen später über den dürftigen märkischen Sand im Garten, in dem die Rosen nie gut wuchsen.

Zu den prachtvollsten Häusern gehört die Villa des Kleiderfabrikanten Günter Quandt in der Virchowstraße. Dessen Frau Magda, die ihren Mann 1929 verließ, verkörperte während der NS-Zeit den Inbegriff der "deutschen Mutter". An der Seite von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels spielte sie die treu sorgende Mutter, während ihr Mann wegen der Verhältnisse mit mehreren Ufa-Schauspielerinnen sich den Beinamen "Bock von Babelsberg" einhandelte. Am Rande der Villenkolonie trieben seine Parteigenossen unterdessen Juden für die Deportation zusammen. Schüler des Espen-Gymnasiums trugen vor Jahren deren Geschichte zusammen. Ein Gedenkstein in der Spitzweggasse, gegenüber einem 1907 von Mies van der Rohe entworfenen Haus, erinnert an diese Zeit.

Natürlich dürfen bei so einem Rundgang die drei wohl bekanntesten Häuser nicht fehlen: die Villen von Stalin, Truman und Churchill. Die drei Staatsmänner residierten während der Verhandlungen zum Potsdamer Abkommen im Schloss Cecilienhof vom 17. Juli bis 2. August 1945 in Neubabelsberg, wobei Churchill mittendrin abgewählt und von Attlee abgelöst wurde. Zu DDR-Zeiten hing nur an der "Stalin-Villa" eine Gedenktafel. Sie lag zwar wie die beiden anderen Häuser auch im Grenzgebiet, doch in der Karl-Marx-Straße 27 machte die Sperrzone einen merkwürdigen Knick. Das lag weniger an der Huldigung Stalins, der zur Zeit des Mauerbaus ohnehin schon in Ungnade gefallen war. Die Direktion der Filmhochschule nutzte das einst für den Berliner Teppichhändler Herpich gebaute Haus. Deren Gästen sollten offensichtlich die Schikanen der Kontrolleure erspart bleiben.

Marshall Truman bezog eine in der jetzigen Karl-Marx-Straße 2 gelegene Prachtvilla aus dem Jahre 1892. Der Renaissance-Stil kommt vor allem auf der Wasserseite zur Geltung. Hier arbeitet jetzt die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung. Bis zur Wende dienten die Räume zunächst einem Säuglingsheim und später einer Schule. Churchill schließlich wohnte in einem 1922 von Mies van der Rohe für den Bankier Urbig gebauten Haus gleich in der Nähe.

Die drei Stunden vergehen wie im Flug, wobei die im florentinischen Stil errichtete Villa von Friedrich Sarre in der Spitzweggasse sicherlich einen Höhepunkt darstellt. Sarre war Leiter der islamischen Abteilung des Berliner Friedrich-Wilhelm-Museum. Deshalb wird wohl die obere Etage von einem blauen Löwen-Fries geschmückt.

Die meisten Wassergrundstücke reichten bis in die fünfziger Jahre direkt bis ans Ufer des Griebnitzsees. Später zogen die Grenztruppen hohe Drahtzäune, zwischen denen sie mit ihren Trabi-Kübelwagen Patrouille fuhren. Dieser Weg ist heute ein schöner Wanderpfad, der vom Bahnhof Griebnitzsee bis zum Park Babelsberg führt.

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