Zeitung Heute : Neue Aufklärung

G,OLF S.FREYERMUTH

GUNDOLF S.FREYERMUTHVom Verlangen nach einer Neuen Aufklärung hörte ich zum ersten Mal vor zwei, drei Jahren.Extropianer-Chef Max More, promovierter Philosoph und High-Tech-Propagandist, forderte sie über einem Abendessen im Hafen von Marina Del Rey.Extropie ist ein Kunstwort und bezeichnet das programmatische Gegenteil von Entropie ­ unbegrenzte Fortentwicklung in politischer, ökonomischer und intellektueller Freiheit.Das von More begründete Extropy-Institute residiert im Cyberspace.Es ist eine Art virtueller Salon, dem zahlreiche Spitzenwissenschaftler angehören, etwa Marvin Minsky vom MIT, bekannt als "Vater der künstlichen Intelligenz", oder der Xerox-Park Nanologe Ralph Merkle, Ko-Erfinder der Public-Key-Kryptographie.Mit schöner Regelmäßigkeit pflegt, worüber die Extropianer spekulieren, bald die Mehrheit der High-Tech-Intelligenz zu beschäftigen ­ und danach das populäre Denken. Von der Notwendigkeit einer Neuen Aufklärung ist denn auch immer häufiger die Rede, off- wie online.Jon Katz prophezeite gar jüngst in "Hotwired" ein "comeback" aufklärerischer Ideale.Mögen diese Hoffnungen nicht trügen! Denn die rapide Regression einer massenmedial verblödeten und verängstigten Öffentlichkeit auf maschinenstürmerische Positionen macht eine solche Neue Aufklärung derweil dringend.Aufklärung bedeutet "fortschreitende technische Naturbeherrschung" (Adorno/Horkheimer).Einst leitete aufklärerisches Denken die Industrielle Revolution ein. Von der dem Menschen äußerlichen Natur weiten sich heute dank Computertechnik die Eingriffsmöglichkeiten auf das aus, was an uns selbst Natur ist.Eine Neue Aufklärung müßte nun die Digitale Revolution und ihre Umwälzungen intellektuell begleiten, von High-Tech-Ersatzteilmedizin und chipgesteuerter Cyborgisierung bis zu Biotechnik und Klonen. Wenige haben sich bislang daran gewagt ­ viele aber betreiben das Gegenteil.Am wildesten wütet die irrationale Reaktion, wo es ans überkommene Menschenbild geht.Trauriges Beispiel: der Umgang mit der Erklärung führender Forscher und Denker zur Verteidigung des Klonens, unterzeichnet u.a.von Francis Crick, Richard Dawkins, Simone Weil und dem kurz darauf verstorbenen Sir Isaiah Berlin.Die Erklärung hält fest, daß der Homo sapiens ein Produkt der Evolution ist und sich von anderen Säugetieren nicht kategorial unterscheidet.Sie erinnert an ähnlich irrationale Widerstände gegen Autopsien oder Narkosen und fragt, was Anhänger übernatürlicher Glaubenssysteme, der etablierten Religionen und Ideologien, denn qualifiziert, Forschungen zu blockieren, die wie die Biotechnik die Menschheit von Krankheit und Leiden befreien können. Mit diesem Appell an die Vernunft verfährt die Meinungsmeute aus Leitartiklern und Politikern wie Rechtgläubige mit Ketzern: Teils verbots-drohend, teils romantisch-raunend wird "Angst vor einer allzu rationalen Wissenschaft" ("Zeit") geschürt.Die Wahnidee aber, daß die Menschheit ihre Probleme "zu vernünftig" lösen könne, ist gegenaufklärerisch: Flucht in die erkenntnisdunklen Tabus tradierter Abergläubigkeit.Gegen diese Umnachtungen argumentierten schon Voltaire, Locke und andere Protagonisten der ersten Aufklärung.Was sie am Vorabend der industriellen Epoche begannen, ist daher weiterhin unvollendetes Projekt: die Befreiung der Menschheit aus ihrer Unmündigkeit.Für sie braucht es eine Neue Aufklärung. Der Autor ist Freier Journalist und Buchautor, u.a.von "Cyberland".

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar