Zeitung Heute : Neue Bescheidenheit im Geist der Benediktiner

PETER ZSCHUNKE

Microsoft wirbt für Windows 98 als Modellpflege eines bewährten Systems / Konferenz für 1500 Fachhändler in FrankfurtVON PETER ZSCHUNKE AP Zur Einstimmung auf Windows 98 hat Microsoft rund 1500 Fachhändler aus ganz Deutschland erstmals zu einem Kongreß versammelt."Wir sind als Marktführer ein Unternehmen, das man gerne in der Öffentlichkeit angreift", sagte Deutschland-Chef Richard Roy zur Begrüßung in der Alten Oper in Frankfurt am Main.Microsoft wolle darauf reagieren.Den Händlern präsentierte sich Microsoft dann tatsächlich in neuer Bescheidenheit ­ vielleicht wirkte sich da schon aus, daß ein Pater der Benediktinerabtei Andechs als Gastredner engagiert wurde. Das zur Cebit im März kommenden Jahres angekündigte Windows 98 sei als "konsequente Modellpflege eines bewährten Systems" zu verstehen, erklärte Marketing-Manager Patrick Tensil.So erwartet Microsoft, daß etwa zehn Prozent der mehr als zehn Millionen Windows-95-Anwender in Deutschland innerhalb von zwölf Monaten auf Windows 98 umsteigen werden ­ der Preis dafür soll erst im Dezember bekannt gegeben werden. Mehr Bedeutung als Windows 98 mißt selbst Bill Gates der Weiterentwicklung des professionellen Betriebssystems Windows NT zu, das jetzt noch zu hohe Ansprüche an Hardware und Bedienung stellt, künftig aber mit der Massenplattform Windows zu einem einheitlichen Programm zusammenwachsen soll ­ die nächste Version Windows NT 5.0 wird für die zweite Jahreshälfte 98 erwartet. Nach der ersten öffentlichen Präsentation einer vorläufigen Beta-Version des Betriebssystems durften die Händler auch schon mal einen Blick auf die geplante Verpackung werfen."Bis zu 30 Prozent schneller" heißt es da.Und Produktmanager Reinhold Böh versichert: "Es hat sich Tolles unter der Motorhaube getan." Microsoft-Kritiker sagen jedoch, daß nun lediglich die bei Windows 95 noch hie und da spürbaren Bugs (Fehler) ausgebügelt würden.Daß ­ wie in Frankfurt demonstriert ­ mit Windows 98 mehrere ­ bis zu acht ­ Monitore gleichzeitig an einem PC angeschlossen werden können, wird für die meisten Privatanwender kaum interessant sein.Doch um die Händler für möglichst zahlreiche Vorbestellungen zu gewinnen, stellt Böh in Aussicht, daß mit dem von Windows 98 unterstützten USB-Standard (Universal Serial Bus) für den vereinfachten Anschluß von Zusatzgeräten wie Drucker oder Scanner neue Impulse für das gesamte Computergeschäft zu erwarten seien: "Wir gehen davon aus, daß mit Windows 98 mehr Hardware gekauft wird, insofern ist das ein tolles Follow-up-Geschäft für Sie!" Mit Windows 98 soll der Computer zur allumfassenden Medienmaschine werden ­ als Allround-Gerät für Multimedia eben. Die ins Auge fallenden Neuerungen von Windows 98 ­ etwa das Ende des Doppelklicks auf einer an den Internet-Standard HTML angepaßten Bildschirmoberfläche ­ können PC-Anwender schon jetzt mit dem kostenlos verteilten Microsoft-Browser Internet Explorer 4.0 erleben.Dieser Browser wird dann so eng mit dem Betriebssystem verzahnt sein, daß er sich nicht mehr gesondert deinstallieren läßt, wie Microsoft-Manager Roland Zeitler bestätigt.Aber "niemand kann Sie hindern, Ihren geliebten Netscape Navigator weiter zu benutzen, wenn es unbedingt sein muß", fügt Zeitler mit Blick auf den bei der Browser-Software noch führenden Konkurrenten hinzu.Welcher Privatanwender aber wird seine Festplatte mit einem Zweitprogramm füllen, wenn er dessen Funktionen bereits im Betriebssystem integriert hat? Diese Frage beschäftigt derzeit auch die Wettbewerbsrechtler im Justizministerium der USA. Zum Abschied erhielten die Fachhändler von Microsoft neben einem Werbeexemplar von Windows NT auch ein schwarzes Büchlein mit der "Regel des Heiligen Benedikt".Darin steht, daß "Verfehlungen mit strengem Fasten oder mit kräftigen Rutenschlägen bestraft werden".Wenn die Software-Branche diese Bestimmung des Ordensgründers auf sich beziehen würde, müßte der Computer schon bald so einfach zu bedienen sein wie ein Fernsehgerät.

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