Zeitung Heute : Neue Chance für alte Werke

Kurt Sagatz

Es fehlt eigentlich nur noch das leise, kaum hörbare Geräusch, das eine Buchseite aus Pergament verursacht, wenn sie ganz langsam umgeblättert wird - so, wie man es bei einem mehrere hundert Jahre alten und außerordentlich kostbaren Werk machen würde.

Auch dies hätte das Team der "Virtuellen Bibiliothek" des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin sicherlich noch hinbekommen. Doch man entschied sich dagegen. So gibt es bei der Betrachtung der Bamberger Apokalypse oder der Goldenen Bulle von Kaiser Karl IV. im Wesentlichen nur noch zwei Dinge, die die digitale Kopie vom Original unterscheiden. Zum einen das fehlende Geräusch, zum anderem, dass selbst die beste Kopie nie das Gefühl beim Betrachten des Originals ersetzen kann, zumal, wenn es sich um Inkunabeln aus dem Mittelalter handelt.

Genau der Umstand, dass kaum jemand die alten Bücher zu Gesicht bekommt, war der Auslöser, der nun zur "Virtuellen Bibliothek" mit den jahrhundertealten Handschriften führte. Denn selbst wenn die Museen ihre Schätze tatsächlich einmal ans Licht der Öffentlichkeit lassen, dann nur für wenige Wochen, streng behütet unter Glas, aufgeschlagen auf der immer gleichen Seite und mit möglichst wenig Licht erhellt, um den Alterungsprozess nicht zu beschleunigen. Bislang gab es nur eine Möglichkeit, dieses Dilemma zu umgehen: Die Anfertigung von Faksimiles. Doch die Herstellung der Duplikate ist aufwändig und stellt für das Original eine ebenso große Beanspruchung dar wie die öffentliche Ausstellung. Somit werden die Kopien ebenso gut gehütet wie die Quellen. Die Computertechnik, vor allem aber die immer größere Leistungsfähigkeit bezahlbarer Geräte gepaart mit hochauflösenden Monitoren, scheint nun einen Ausweg aufzuzeigen. Grundgedanke der elektronischen Umsetzung ist, das Buch so nah am Original wie möglich in das neue Medium zu übertragen, erklärt der Multimedia-Spezialist des DHM, Michael Truckenbrodt. Alle Werke werden auf großen Flachbildschirmen in Originalgröße dargestellt, mitsamt aller durch die Zeit entstandenen Schäden. Per Mausklick werden die Seiten umgeschlagen - sachte, ganz sachte, wie bei einem echten Werk dieses Alters. Selbst auf so kleine Details wie die Dicke des Buchrückens wurde geachtet und wenn vorhanden, kann auch der Einband bestaunt werden. Einmal in die digitale Form übertragen, stehen weitere hilfreiche Funktionen zur Verfügung. Bei Bedarf lässt sich eine digitale Lupe aufrufen, mit der die eindrucksvollen Miniaturen vergrößert werden können. Auf den Text angewendet, stellt die "Lupe" den darunter liegenden Text entweder in leichter lesbarer Schrift oder als Übersetzung ins Hochdeutsche oder ins Englische dar. Zur einfachen Navigation kann ein Index genutzt werden, und bei Heinrichs Romfahrt wurde zusätzlich eine Landkarte seiner Reise integriert, mit der direkt zu einzelnen Kapiteln gesprungen werden kann.

Was an sich recht einfach klingt, erfordert in der Praxis einen hohen Aufwand. Angefangen bei der möglichst realistischen Darstellung aller Details mit feinsten Zeichnungen des Pergaments und der farbechten Wiedergabe der Goldfarben über die Anpassung der Einzelseiten in das digitale Buch bis zur genauen Anpassung der elektronischen Lupe, denn diese soll dem genauen Zeilenfall entsprechen. Ein Dreivierteljahr je Werk kommt so zusammen. Auch der finanzielle Aufwand ist beachtlich, selbst in Euro gerechnet ergibt sich eine siebenstellige Summe.

Die erste Leistungsdemonstration der "Virtuellen Bibliothek" wird allerdings nur von kurzer Dauer sein. Nur in der "Langen Nacht der Museen" am 2. Februar (18 bis 24 Uhr) wird das DHM den Blick auf die vier Monitore, die in der Bibliothek des Hauses im Block hinter dem Zeughaus in adäquater Umgebung aufgebaut werden, freigeben. Neben der Apokalypse, der Goldenen Bulle und Heinrichs Romfahrt wird der Codex Hannoveranus gezeigt.

Von 2004 an, wenn die ständige Ausstellung nach der Fertigstellung der Umbauarbeiten des Berliner Museums wieder eröffnet wird, soll die "Virtuelle Bibliothek" zum festen Ausstellungs-Bestandteil werden. Bis dahin will das DHM insgesamt 14 Titel so bearbeitet haben, dass man sie annähernd wie das Original betrachten kann.

Angesichts des Alters der Werke, die wie die Bamber Apokalypse bis zu Tausend Jahre alt sind, werden sich dabei sicherlich einige Besucher die berechtigte Frage stellen, ob die neuen Techniken auch nur annähernd so haltbar sein werden wie die Buchkunst jener Zeit.

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