Zeitung Heute : Neue deutsche Boombranche Von Harald Martenstein

Die Amerikaner sagen, dass sie keine Industriespionage betreiben. Außer der deutschen Regierung glaubt das kein Mensch. Fast alles Negative hat aber auch sein Gutes. Wer hätte gedacht, dass die NSA-Abhöraffäre gleich so viel Gutes mit sich bringt? Wenn die Recherchen der „Zeit“-Kollegen nur halbwegs stimmen, dann können wir dank der NSA-Affäre in den kommenden Jahren den Krippenausbau auf ein befriedigendes Niveau bringen.

Laut Verfassungsschutz gehen der deutschen Wirtschaft jährlich an die 60 Milliarden Umsatz durch Industriespionage verloren. Die Wirtschaft stand diesem Phänomen relativ hilflos gegenüber. Kein Mensch hatte geahnt, dass unsere Freunde aus den USA und aus England die eifrigsten Spione sind. Man stellte sich als Spione stark tätowierte, mit Wodka betriebene Daten-Hacker aus Russland vor, nicht die Regierung in Washington. Jetzt wird, auch im Mittelstand, eifrig aufgerüstet, was den Spionageschutz betrifft. Wir dürfen annehmen, dass die Umsätze und damit die Steuereinnahmen in den kommenden Jahren kräftig steigen. Aber es kommt noch besser.

Überall in der Welt herrscht jetzt eine starke Abneigung gegen die Idee, den Schutz von Unternehmen ausgerechnet einer Spezialfirma aus den USA anzuvertrauen, die Briten können das eh nicht. Nun dürfte die Stunde der deutschen Anbieter schlagen, meldet die „Zeit“. Amerikanische Server sind weltweit etwa so out wie Telefone mit Wählscheiben. Der deutsche Server ist der Mercedes der Zukunft, sicher, unverwüstlich, nur ein bisschen teurer vielleicht. Die amerikanischen Server dagegen haben jetzt ein ähnliches Image wie die Automobile aus Detroit.

Die Deutschen sind sehr gut in der Geheimdiensttechnologie, es gibt da eine gewisse Tradition. Etliche Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit sind, angeblich dank einer persönlichen Intervention von Helmut Kohl, in den gesamtdeutschen Geheimdienst übernommen worden, haben sich zügig in die neuesten Techniken eingearbeitet und arbeiten jetzt auch für die Wirtschaft. Die Firmen möchten, dass ihre Daten in Zukunft ebenso gut geschützt sind wie das Handy von Angela Merkel. Wir haben eine neue Boombranche. Aber es kommt noch besser.

Unsere russischen Freunde möchten ebenfalls nicht ausspioniert werden. In Russland ist deshalb erstaunlicherweise eine Renaissance der Schreibmaschine zu beobachten. Äußerungen, die auf Papier niedergeschrieben sind, lassen sich nicht ganz so leicht ausspionieren wie Daten im Internet – dies ist auch ein Tipp an Privatleute. Ich selbst setze bei sensiblen Informationen voll und ganz auf das Medium Notizbuch. Die russische Regierung kauft neuerdings massenhaft Schreibmaschinen. Und nun raten Sie, in welchem Land die besten Schreibmaschinen hergestellt werden.

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