Zeitung Heute : Neue Infodienste für den elektronischen Briefkasten

KURT SAGATZ

Für viele Zeitgenossen ist das Internet das Sinnbild für Kommunikation schlechthin.Mailen, Chatten, Surfen sind für sie nur andere Entsprechungen für die schier unbegrenzten Möglichkeiten zum Informationsaustausch über das Netz.Im Schatten des World Wide Webs und der E-Mail-Kommunikation stehen dabei häufig die sogenannten Mailinglisten, die technisch beinahe so alt sind wie die elektronische Post selbst, und von denen es weit mehr gibt als die Schwarzen Bretter der Newsgroups.Rund 90 000 verschiedene Mailinglisten zu den unterschiedlichsten Themen sind beispielsweise über die Website www.liszt.com recherchierbar, wie Jürgen Specht vom Internet-Dienstleister Speed-Link in der letzten Woche im Berliner "Internet-Salon" ausführte.Und obwohl das Thema Mailinglisten auf den ersten Blick einen recht technischen Eindruck macht, kamen an diesem Abend weit über 100 Interessierte zum zweiten Treffen dieser Veranstaltungsreihe, die in Kooperation der Zentral- und Landesbibliothek mit der in Berlin beheimateten Internet-Akademie ( www.akademie.de ) stattfindet.

Der Sinn von Mailinglisten besteht vor allem darin, daß damit die elektronische Kommunikation erheblich vereinfacht werden kann.In der einfachsten Form dienen die Listen zum Versenden von Newslettern an eine möglichst große Zahl von Adressaten.Will eine Firma wie zum Beispiel Microsoft mit seinem "Internet Newsletter" die Kunden über Neuerungen informieren, könnte sie natürlich alle registrierten Nutzer von Microsoft-Programmen einzeln anschreiben.Oder man läßt sich die Arbeit von einer Mailingliste abnehmen, bei der sich die Nutzer selbst an- und abmelden, in dem sie der Liste einfach eine kurze Mail mit dem Inhalt "subscribe" oder "unsubscribe" senden.Das Mailinglisten-Programm sorgt nun dafür, daß alle angemeldeten Interessenten automatisch mit neuen Newslettern versorgt werden.

Auch der zweite Typ von Mailinglisten, die Diskussionslisten, sollen das Leben der Betreiber erleichtern.Im Gegensatz zu den Newslettern, bei denen die Kommunikation von einem Absender zu diversen Empfängern verläuft, erlauben Diskussionslisten auch das elektronische Gespräch der Teilnehmer untereinander.Hierfür muß keineswegs jeder der in der Regel bis zu 300 Teilnehmer an alle anderen schreiben.Vielmehr reicht es aus, seinen Diskussionsbeitrag einfach an die Liste zu senden.Das Programm sorgt für die Übermittlung an die anderen Listenmitglieder und eleminiert ebenfalls automatisch Karteileichen.

Einen guten Überblick über Mailinglisten verschafft die Internet-Seite www.kbx.de.Dort werden derzeit rund 20 000 Listen geführt.Eine eigene Suchmaschine erleichtert die Suche nach speziellen Schlagwörtern, auch die bevorzugte Landessprache läßt sich vorgeben.Auf der kbx-Seite informiert die Speed-Link GmbH darüber hinaus auch darüber, zu welchen Konditionen das Unternehmen Newsletter oder Diskussionlisten für andere Firmen, Institutionen und Interessensverbände ins Netz bringt.Die Kosten für eine Mailingliste fangen bei 29 DM monatlich an.Mailinglisten, die von einem besonderen Interesse für die breite Öffentlichkeit oder das Internet sind, werden sogar umsonst online gestellt, führte dazu Jürgen Specht aus.

Reich ist mit Mailinglisten bislang noch niemand geworden, gleichwohl steckt hinter dem technischen Thema womöglich doch ein interessantes Geschäftsmodell, erklärte Thorsten Wichmann vom Webconsulting-Unternehmen Berlecon Research im Internet Salon.So hat es der amerikanische Netzaktivist Rand Cassingham mit seinem Newsletter "This is true" immerhin geschafft, sich eine finanzielle Existenz aufzubauen.Kern seiner News sind dabei kurze, kommentierte Nachrichten, die sich zum einen im Internet starker Beliebtheit erfreuen - die Zahl der registrierten Empfänger wird mit 160 000 in 140 Ländern angegeben - und zum anderen von einigen Zeitungen auf Lizenzbasis abgedruckt werden.Einmal im Jahr gibt Cassingham seine gesammelten Elaborate dann als Buch heraus.Zu den Abnehmern dieses Infodienstes sollen vor allem Pfarrer und Rechtsanwälte gehören, die ihre Predigten und Plädoyers offensichtlich gerne mit Zitaten aus der Mailingliste anreichern.

Nicht ganz die Größenordnung von Cassinghams "This is true", aber immerhin die beachtliche Größe von 7000 Nutzern hat die Tips-und-Tricks-Liste der Internet-Akademie, die wöchentlich nützliche Hinweise zum effizienten Einsatz der Internet-Technologien vermittelt.Aus Sicht der Akademie erfüllt die Liste zudem den angenehmen Zweck eines "Traffic-Builders", denn sie sorgt dafür, daß die Abonnenten der Listen regelmäßig auch das Web-Angebot der Akademie frequentieren, wie Andrea Hoffmann von der Berliner Weiterbildungseinrichtung erklärte.Dabei ist der Erfolg eines Newsletters keineswegs selbstverständlich, denn nur die guten Angebote werden per Mundpropaganda weiterempfohlen.

Auch dabei gibt es Tricks, um die Nutzer bei Laune zu halten.So sollte jede Liste am Anfang den Hinweis enthalten, wie man sie einfach abmelden kann, denn nichts sei nerviger, als immer die gleichen Mails zu diesem Thema beantworten zu müssen, so Hoffmann.Auch beim Aufbau der Mail können Fehler vermieden werden, indem bereits am Anfang eine Vorausschau zeigt, ob sich das Weiterlesen lohnt.Empfänger mehrerer Listen wissen es zu schätzen, wenn ihre Geduld nicht über Maß strapaziert wird.Mailinglisten, die diese Ratschläge befolgen, haben gute Chancen, sich zur täglichen Pflichtlektüre vieler Netzbewohner zu entwickeln.

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