Zeitung Heute : Neue Medien und Literatur

$ (tvs) Wenn Friedrich Kittler über Literatur doziert, haben Goethe und Schiller ausgedient.Den Kulturwissenschaftler von der Humboldt-Universität interessiert nämlich vor allem die Computertechnologie.Und so haben er und andere Autoren Aufsätze zum Thema "Literatur im Informationszeitalter" geschrieben und veröffentlicht. Mit seiner These vom "Computeranalphabetismus" irritiert Kittler die wachsende Schar stolzer PC-Besitzer.Im weiten Feld zwischen Binärcodes und Programmiersprachen, Flußdiagrammen und Algebra kenne sich kaum einer wirklich aus.Die Masse der Anwender unterwerfe sich mehr oder weniger bedingungslos dem programmierten Dikat ihrer Maschine.Während dieser Zusammenhang in Vilém Flussers Aufsatz über die "Auswanderung der Zahlen aus dem alphanumerischen Code" ebenso knapp wie originell in eine historische Entwicklung gestellt wird, wirken die übrigen Beiträge des Buches ein wenig blaß und beliebig.Ob Audiovisualität im Mittelalter, Bibliothek der Zukunft oder Hyperfiction - der weite Bogen, der von den zwölf Beiträgen gespannt wird, ist eher ärgerlich als beachtlich. So dürfte zwar für jeden etwas Interessantes dabei sein, jedoch veranschaulicht das Buch nur zu gut, was Dirk Matejovski in seinem Schlußaufsatz nachzeichnet: Die Kulturwissenschaften sind von einem "Mediensog" ergriffen worden.Eine Folge davon ist, daß die Wissenschaftler so viel wie möglich zu den "Neuen Medien" publizieren - manchmal auf Teufel komm raus.

Friedrich Kittler, Dirk Matejovski (Hrsg.): Literatur im Informationszeitalter.Campus Verlag, 273 Seiten, 34 Mark. Bestellung online bei der

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