Zeitung Heute : Neue Namen braucht das Netz

HOLGER SCHLÖSSER

Wer weiß schon, wo Tonga liegt.Auf der politischen Weltkarte hat das rohstoffarme Königreich mit etwa 100 000 Einwohnern nichts zu vermelden.Internet-Surfern ist es gleichwohl ein Begriff.Schließlich gilt das Land als eines der wenigen, das noch über freie Internet-Adressen verfügt.Wer die etwas ungewöhnliche Endung ".to" in Kauf nimmt, kommt hier an eine Adresse, die im deutschsprachigen Internet unter Umständen schon vergeben ist.



Zur Erinnerung: Anders als Telefonkunden, müssen Internet-Surfer keine langen Nummern auswendig lernen.Jeder an das globale Datennetz angeschlossene Rechner hat neben einer Nummer auch einen leicht zu merkenden Namen.So ist der Tagesspiegel entweder über 194.162.192.94">194.162.192.94 oder www.tagesspiegel.de erreichbar.



Jede Internet-Adresse besteht aus verschiedenen Ebenen.Die oberste Domäne wird "top level domain" (TLD) genannt und kennzeichnet in der Regel das Land, das die Domäne verwaltet.In den USA wird dagegen nach der Art der Einrichtung klassifiziert, etwa ".gov" für die US-Regierung und ".com" für kommerzielle Webseiten.



Daß dies funktioniert, verdankt die Netzgemeinde dem Domain-Namen-System, kurz DNS genannt.Das DNS regelt die Zuordnung der Nummern und Namen zum jeweiligen Rechner und bildet somit das Rückrat des Internets.Das System hat jedoch seine Schwachstellen, die eine Neuregelung längst überfällig machen.Zum einen wird es eng im Namensraum.Im Netz kann jeder Name nur einmal vergeben werden.Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.Viele Firmen - darunter die Deutsche Bank, McDonalds oder Apple bekamen ihre Wunschadresse erst nach dem Gang vor den Kadi.



Ein weiterer Stein des Anstoßes ist die Vergabepraxis der Adressen.Vor einigen Jahren beauftragte die US-Regierung exklusiv das private Unternehmen Network Solutions (NSI) mit der Vergabe von Namen in der ".com"-Domain.Deren Firma Internic hat seitdem das Recht, für diese Dienstleistungen Gebühren zu erheben: Bei über einer Million Neukunden im Jahr ist das ein Milliardengeschäft.



Eine mißliche Situation.Die Internet Society ( www.isoc.org ), berief daraufhin ein Komitee ein, das Reformvorschläge ausarbeiten sollte.Das Ergebnis waren sieben neue Namen: ".firm" für Unternehmen, ".store" für Online-Shops, ".web" für reine Webanwendungen, ".arts" für Kulturseiten, ".rec" für Freizeitangebote, ".info" für Informationsdienste und ".nom" für Privatkunden.Darüber hinaus sollte Monopolist NSI zukünftig Wettbewerber zulassen, die ihrerseits Domain-Namen registrieren können.



Soweit die Theorie.In der Praxis geht die Reorganisierung der Internetverwaltung jedoch nur schleppend voran.Zwar hat nach langem Ringen die US-Regierung endlich den Reformplänen im Großen und Ganzen zugestimmt.Doch damit sind die Probleme nicht gelöst.Seit Ende Oktober wird das technische Management des Netzes von der Clinton-Regierung auf die neue Organisation Internet Cooperation for Assigned Names and Numbers, ICANN, übertragen.



Unter der Obhut von ICANN soll die Top-Level-Domain ".com" liegen, die bisher von Network Solutions verwaltet wird.Doch der Vertrag mit NSI wurde gerade bis zum Jahr 2002 verlängert.Auch die Einführung neuer Domain-Namen obliegt der neuen Behörde.Doch von den sieben neuen TLDs hat man bisher nicht wieder gehört.



Dabei stehen 88 Unternehmen bereit, die sich für die Vergabe der neuen Namen qualifiziert haben, darunter auch dreizehn deutsche Firmen.Das Geschäft hätte längst beginnen sollen."Wir nehmen nur vorläufige Anträge für die neuen Domain-Namen an, die wir abarbeiten, wenn der Betrieb aufgenommen wird", so Ralf Röhrig, Leiter der Informationstechnologie beim TÜV-Rheinland, einer der Vergabestellen.

Was passiert, wenn die neuen Namen gar nicht kommen? "Das Netz platzt aus den Nähten.Es ist eine technische Notwendigkeit, daß neue Domains eingeführt werden.Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie kommen, die Tatsache an sich ist unvermeidbar", macht sich Registrar Siegfried Langenbach, Geschäftsführer von der CSL GmbH Mut.Solange die Rechtslage allerdings unklar ist, sollte man besser die Finger von den neuen Top-Level-Domain-Namen lassen.

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