Zeitung Heute : Neue Nummern, alte Tricks

Die 0190-Dienste haben einen denkbar schlechten Ruf. Doch auch die neuen 0900-Verbindungen bergen zahlreiche Gefahren

Kurt Sagatz

Zwei Themen aus der Welt der Computer und des Internets hatten es nahezu in jeden Jahresrückblick 2002 geschafft: Zum einen der überwältigende Erfolg des Internet-Auktionshauses eBay und zum anderen der Ärger mit den kostenpflichtigen 0190-Nummern. Kosten von mehreren hundert Euro für einen Anruf und Internet-Dialer, die sich ohne Wissen des Nutzers auf dessen Rechner installieren, brachten sogar die Politiker auf den Plan. Das von Verbraucherministerin Renate Künast initiierte Gesetz gegen die 0190-Abzocke wurde jedoch zwischen Bundestag und Bundesrat verwässert.

Im neuen Jahr soll dennoch alles anders werden. An die Stelle der 0190-Nummern treten künftig neue Nummernbereiche, die alle mit einer 0900 beginnen. Die alten 0190-Nummern haben zwar noch eine Gnadenfrist bis Ende 2005, seit dem 1. 1. 2003 werden von der Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation (RegTP) jedoch nur noch die neuen 0900-Nummern vergeben, wie Sprecher Rudolf Boll dem Tagesspiegel sagte. Zudem hat die Telekom Anfang der Woche mitgeteilt, Verbindungen mit 0900-Nummern nach einer Stunde automatisch zu trennen. Dadurch sollen vor allem jene Internet-Surfer geschützt werden, die sich unwissentlich einen der Internet-Dialer eingefangen haben. Allerdings gilt diese Zwangstrennung bislang nur für die über die Telekom laufende Verbindungen.

Die Ablösung der 0190-Nummern durch die neuen, internationalen Standards entsprechenden 0900-Nummern führen jedoch auch ansonsten nicht zwangsläufig zu einer Erleichterung für die Verbraucher. Vor allem die neue Rufnummerneinteilung birgt erhebliches Konfliktpotenzial. Bislang ergab sich die Höhe der Gebühren für einen Anruf bei einer 0190-Nummer oder für die Einwahl über einen 0190-Dialer aus der Endnummer. So war klar, dass beispielsweise eine 0190-Nummer mit der Endzahl 4 automatisch mit 1,54 Euro pro Minute abgerechnet wurde oder dass eine 01905-Nummer 0,338 Euro pro Minute kostete. Die einzige Ausnahme galt für 01903-Nummern, bei der die Anbieter ihre Tarife flexibel gestalten konnten.

Die Differenzierung der Nummern nach Tarifen wurde jedoch für die 0900-Nummern aufgegeben. Nicht mehr die Kosten entscheiden, welche Endziffer ein Dienst trägt, nun wird vielmehr nach inhaltlichen Aspekten unterschieden. 09001 steht nun für den Themenbereich „Information“, 09003 für „Unterhaltung“ und „09005“ für „Übrige Dienste“, wobei es Überlegungen gegeben hat, diese Dienste mit der aussagekräftigen Endnummer „6“ zu belegen.

Der Vorteil der neuen Nummernzuordnung sollte eigentlich darin liegen, dass nun auf einfache Weise gewisse, zumeist mit überzogenen Gebühren belegte Dienste gesperrt werden könnten. Eine simple Umprogrammierung der Telefonanlage, ein zusätzlicher Eintrag im Anti-Dialer-Programm des Internet-Rechners oder eine Ausweitung der Rufnummernsperre bei der Telekom würden demnach genügen, um Anrufe zu den zwielichtigen Diensteanbietern auszuschließen. Leider hat die Sache einen großen Haken, denn die Regulierungsbehörde, die die Nummern vergibt, darf laut Gesetz keinerlei inhaltlichen Maßstäbe bei der Zuteilung der Nummern anlegen. Es ist somit den Diensteanbietern selbst überlassen, ob sie ihr Angebot als Information, Unterhaltung oder Sonstiges einstufen.

Noch bedenklicher ist jedoch, dass sich diese Freiheit auch auf die Tarifierung erstreckt. Wie hoch also die Gebühren ausfallen, liegt in der Entscheidungshoheit der Anbieter selbst, sie werden durch die Preisauszeichnungspflicht nur dazu verdonnert, die Höhe der Tarife unmissverständlich mitzuteilen. Das Urteil des Telekom-Experten der Stiftung Warentest, Peter Knaak, fällt eindeutig aus. Weniger Transparenz für die Nutzer, noch mehr Gestaltungsspielraum für die Anbieter, der mögliche Schaden für den Verbraucher nimmt weiter zu. Zudem habe bereits bei den 0190-Nummern die Praxis gezeigt, dass sich die windigen Diensteanbieter wenig um die gesetzlich geforderte Preisauszeichnungspflicht scheren.

Ein Gutes haben die neuen Nummern dennoch, räumt auch Knaak ein. Während die 0190-Nummer von der Regulierungsbehörde im Tausender-Paket an die Telefongesellschaften vergeben wurden, die sie dann wiederum an andere Gesellschaften oder Anbieter weiterreichten, müssen die 0900-Nummer einzeln bei der RegTP beantragt werden. Dadurch lässt sich nun verhältnismäßig einfach feststellen, wer hinter einer Nummer steckt und den Verbraucher möglicherweise mit einer nicht gerechtfertigten Gebühr erleichtern will. „Das ist sicherlich ein Fortschritt, der eigentlich schon in der Vergangenheit selbstverständlich gewesen wäre“, so Warentester Knaak. Wer also künftig Probleme mit ungerechtfertigten 0900-Gebühren hat, weiß nun zumindest, gegen wen er sich juristisch wehren muss.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben