Zeitung Heute : Neue TV-Geräte werden nicht gebraucht

Kurt Sagatz

Die ersten verunsicherten Anrufe hat Rainer Strubel bereits am Montag erhalten. Funktioniert mein Fernseher auch nach der Umstellung?, Was für Geräte brauche ich für DVB-T? oder Was bringt mir die neue Technik eigentlich?, so lauteten die Fragen, die dem TV-Fachverkäufer von Karstadt von den besorgten Anrufern gestellt wurden. Die Fragen sind ganz und gar nicht unbegründet. Im Herbst beginnt in Berlin der "wichtigste Schritt in die digitale Medienwelt", urteilt Jochen Wiesinger von der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu). Als erstes Bundesland geht in Berlin die Übertragung von digitalen Fernsehprogrammen über Antenne in den Regelbetrieb.

Ein bislang einmaliges Pilotvorhaben, wie Wiesinger weiß. Mehr Kanäle, bessere Qualität und wichtige Zusatzdienste wie Elektronischer Programmführer, interaktive Dienste und Internet auf dem TV-Gerät, das alles soll DVB-T, das Digital Video Broadcasting - Terrestrial, bieten. Der Nachteil: Für die neuen digitalen Programme müssen alte analoge abgeschaltet werden, der bisherige Empfang über die Zimmer- und Hausantenne wird eingeschränkt.

Kein Wunder also, dass bereits erste Meldungen über die im Herbst bevorstehende Änderung die Berliner Fernsehzuschauer verunsichern. Doch Rainer Strubel bleibt ruhig. In den meisten Fällen wird weder ein neuer Fernseher noch eine neue Antenne benötigt. Um die digitalen Programme in den Fernseher zu bekommen, wird allerdings ein Gerät gebraucht, das die digitalen Signale übersetzt, eine so genannte SettopBox.

Bei Karstadt in der Wilmersdorfer Straße ist eines dieser Geräte bereits installiert, genauso in den Filialen in der Müllerstraße und am Herrmannplatz. Die unscheinbare, Zigarrenkisten-große Box der Firma Lorenzen wird zwischen die Antenne und den Fernseher geschaltet. Viele der herkömmlichen Fernsehantennen reichen aus, auch wenn die neuen, erheblich kleineren Digital-Antennen besser zu den neuen Geräten passen, theoretisch. Der Fernseher muss nur über einen Scart-Anschluss verfügen, über den das dekodierte Signal in das Gerät eingespeist wird. Derzeit kosten Decoder-Boxen rund 400 Euro, doch Experten wie Wiesinger rechnen damit, dass der Preisverfall dieses Marktsegment genauso schnell erreicht wie die anderen Bereiche der Unterhaltungselektronik.

Loewe mit Erweiterungskarten

Der Kauf einer Settop-Box ist jedoch nur die eine Möglichkeit. Man kann sich auch für Fernsehgeräte mit integrierter Digital-Technik entscheiden, erklärt Raik Behrendt, Fachverkäufer der Elektronik-Handelskette Saturn am Potsdamer Platz. Sony bietet bereits ein solches Gerät, das allerdings rund 4000 Euro kostet. Für einige Loewe-Geräte gibt es zudem Einsteckkarten, um den Fernseher für den Empfang von digitalen Kabel- und Satellitenkanälen aufzurüsten. Ähnliche Erweiterungen für DVB-T sind Behrendt zufolge in Vorbereitung. Der große Vorteil der integrierten Lösung liegt vor allem in der einfacheren Handhabung über die TV-Fernbedienung und in der besseren Nutzung der digitalen Zusatzfunktionen. gfu-Experte Wiesinger rechnet anfangs dennoch damit, dass sich die meisten Käufer für die Settop-Boxen entscheiden. Zum einen, weil bei Veränderungen an der Technik nur die Boxen und nicht der ganze Fernseher ausgetauscht werden müssen. Zum anderen aus Wettbewerbsgründen, denn wegen des enormen Preisdrucks bei TV-Geräten würde der Regeleinbau von Dekodern die Fernseher erheblich verteuern. Da für jede digitale Empfangstechnik (Kabel, Satellit, Terrestrisch) unterschiedliche Technik gebraucht werde, müsse der Käufer immer auch für die nicht genutzten Komponenten zahleni.

Eine komplett neue Fernsehaustattung wird durch die Umstellung des terrestrischen Empfangs somit nicht benötigt. Wer sich jedoch ohnehin derzeit für einen neuen Fernseher interessiert, der sollte nach dem Rat von Saturn-Experte Behrendt darauf achten, dass das neue Gerät mindestens über zwei Scart-Buchsen verfügt (eine für den Dekoder, die andere für den Videorekorder) und dass das Gerät für die Nutzung der besseren Bildqualität des Digitalprogramms geeignet ist. Dies gilt für alle Geräte, die S-VHS-tauglich sind oder Bilder im RGB-Modus darstellen können. Für die meisten Fernseher ist dies Standard.

Insgesamt ist sich Behrendt sicher, dass die Digitaltechnik ein großer Erfolg wird, auch wenn die Einführung in Berlin sicherlich nicht ohne Kritik bleiben wird. Aus Sicht des Handels ist der Einführungstermin in Berlin gut gewählt. Nach Wiesingers Einschätzung könnte DVB-T für das Berliner Weihnachtsgeschäft zum ganz großen Thema werden. Auf jeden Fall sollten Handel und Industrie durch breite Aufklärung der Kundschaft über die neue Technik sicherstellen, dass die Digitaltechnik zum Erfolg werde.

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