Zeitung Heute : Neue Wegbeschreibung: Verleiten kommt von Leiten

Insa Lüdtke

Wer als Tourist in einer fremden Stadt Passanten nach dem Weg fragt, bekommt die unterschiedlichsten Antworten, wie er zum Ziel findet. Der Autofahrer macht die Wegbeschreibung an der Zahl der Ampeln fest und verweist auf die Tankstelle an der zweiten Straßenecke. Eine Mutter mit Kinderwagen gibt die Auskunft anhand der gesicherten Fußgängerüberwege. So macht sich jeder sein eigenes Bild einer Stadt, und es entsteht ein persönliches Orientierungssystem.

Wie aber findet sich ein Fremder zurecht? Wer zum Beispiel an Potsdam denkt, verbindet die Stadt meist mit dem Schloss Sanssouci. Doch wie komme ich zu dieser Sehenswürdigkeit, und was macht die Stadt sonst noch aus? Oft bleibt es bei dem Besuch des Barockschlosses, der Gast erfährt dort nichts über die Landeshauptstadt von Brandenburg. Die vollen Touristenbusse kehren abends meist wieder nach Berlin zurück. Und das Geld auch.

Mit einem Informations- und Leitsystem will die Stadt Potsdam diesem Phänomen anläßlich der Bundesgartenschau (Buga) 2001 etwas entgegen setzen. Auch andere historische Sehenswürdigkeiten wie das Holländische Viertel, der Neue Markt oder das Alte Rathaus Babelsberg sollen ins Blickfeld rücken. So kämen mehr Besucher und damit Geld in die Stadt. Der Entwicklungsträger Bornstedter Feld, Treuhänder der Stadt Potsdam, lud im vergangenen Jahr fünf Design-Büros aus dem ganzen Bundesgebiet zu einem Wettbewerb ein. Das Büro Ecke Design aus Berlin ist daraus als erster Preisträger mit dem Entwurf "Fritz" hervorgegangen. Das System mit den blauen Wegweisern und Schautafeln wird nun bis zur Eröffnung der Buga im Frühjahr in Potsdam installiert.

Mit "Fritz" versuchen die Gestalter einen Widerspruch aufzulösen. Einerseits müssen die Schilder auffallen, andererseits sich dem Stadtbild unterordnen. Für die Wegweiser, Schautafeln und Info-Terminals entwickelte der gelernte Produktdesigner Albrecht Ecke deshalb ein einfaches Konzept, das sich aus den Materialien und Farben des Potsdamer Stadtraums ableitet. Die Prägnanz dieses Designs entsteht durch die strikte Anwendung des Konzepts auf alle dazu gehörigen, "verwandten" Elemente.

Ausgangspunkt waren für Ecke die Form und das Material etwa der historischen Straßenlaternen und Metallpoller. Diese Fundstücke haben ihn bei der Gestaltung der neuen Schilder in "preußisch" schlichter Formensprache inspiriert. "Man muss die Menschen mit vertrauten Elementen aus dem Stadtbild an die Hand nehmen," sagt Ecke mit ruhiger Stimme. Er ist ein Mann der leisen Töne und spricht über die Metallstele des Leitsystems, als wäre sie ein kostbares Schmuckstück. Nach historischem Vorbild hat sie nämlich am oberen Abschluss zwei Einkerbungen - ein sogenanntes Riefenband. "Wir haben so die alten Formen vor dem Aussterben bewahrt und eine Möglichkeit zum Anknüpfen gefunden," sagt Ecke. Der Gestalter erklärt seine Ideen konzentriert, mit wenigen Gesten. Seine Arbeit beschreibt er als die Suche nach der einfachsten Lösung - was jedoch meist ein um so komplizierterer Prozess sei.

Nur zwei Grundelemente benötigt Ecke für die Umsetzung seiner Idee: Eine Stele hält den Informationsträger. Diesen variiert er je nach Funktion. Erste Orientierung in der Stadt verschaffen dem Besucher die Wegweiser. Ihre Schriftfelder zeigen wie Fahnen in verschiedene Richtungen. Sie bilden über die Stadt verteilt ein Netzwerk und stehen etwa an Wegkreuzungen. Die Metallplatte trägt einen weißen Schriftzug auf "preußisch-blauem" Grund. Der gibt Auskunft über den Namen des Zielpunktes und die Entfernung dorthin. Außerdem verweisen auf dem Schild Symbole auf Service-Einrichtungen wie Taxistände, öffentliche Toiletten oder das nächste Krankenhaus. Am Zielort wiederum erklärt eine Tafel in blau den Ort beziehungsweise das Gebäude und die dazu gehörige Geschichte.

Als drittes Element kann sich der Besucher zum Beispiel am Hauptbahnhof an Computerterminals interaktiv Bilder, Filme und Kurzinformationen zu verschiedenen Themen aufrufen. "Sie sollen den Besucher dazu verleiten, sich selbst auf den Weg zu diesem Ort zu machen", wünscht sich Ecke.

Der Gestalter will mit seiner Arbeit "den Menschen die Augen öffnen", sie anregen, die Stadt abseits der ausgetretenen Pfade zu entdecken. Wenn er durch die Stadt geht, bleibt er oft vor einem Gebäude oder einer Brache stehen. Die Details sind es, die sein Aufmerksamkeit erregen. Wie sah wohl das Haus aus, das zwischen diesen Brandwänden stand? Heute kann er nur noch Spuren der Geschossdecken darauf entdecken.

Neben seinem Stadt-Leitsystem hinterläßt Ecke auch andere Spuren in der Stadt. Er entwirft Straßenpflaster, Mülleimer, Spielgeräte oder Straßenlaternen. Der öffentliche Raum sei immer wichtiger in Zeiten des allgemeinen Rückzugs in die Privatsphäre und der Zugangsbeschränkung vieler Gebäude und Straßenräume. "Er ist wesentlicher Teil der Demokratie und muss offen bleiben," sagt Ecke. "Hier kann Kommunikation stattfinden. Diese Qualität ist durch nichts zu ersetzen."

Gründe miteinander zu kommunizieren seien heute in unserem Alltag allerdings vielfach selten geworden. Ecke möchte dies mit seiner Arbeit verändern: "Der Designer," gibt er sich überzeugt, "kann mit seinen Produkten wenigstens die Werkzeuge dafür anbieten."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar