Zeitung Heute : Neue Welt mit neuen Nischen

Jahr für Jahr gibt es Ausbildungsgänge, die neu auf das Arbeitsleben zugeschnitten wurden.  Oft kommen die Vorschläge dafür aus der Wirtschaft – die dringend Nachwuchs braucht

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Fast schon wieder Schnee von gestern: Seit 2009 gibt es den neuen Beruf des Werksfeuerwehrmannes und der -frau. Da die Debatte um...ddp

Wir benutzen sie öfter, als uns bewusst ist. Wir drücken Knöpfe, schmeißen Geld in einen Schlitz, halten Magnetstreifen an einen Scanner, ziehen Fahrkarten, fischen Dosen heraus. Automaten gehören inzwischen so sehr zum Alltag, dass eine neue Ausbildung dafür erfunden wurde – seit anderthalb Jahren können junge Menschen Automatenfachmann und -fachfrau werden. Sie lernen, das Konsumverhalten zu ermitteln, kalkulieren Preise, machen Kassenabschlüsse, installieren IT-Programme und warten die Automaten. In Berlin stößt die neue Ausbildung allerdings bisher auf wenig Interesse. „Ein bis zwei Anwärter hatten wir hierfür“, sagt Eleonore Busch von der Industrie- und Handelskammer Berlin.

Anders sieht es bei den Personaldienstleistungskaufleuten aus – seit 2008 ebenfalls ein neuer Ausbildungsberuf. „Das wollten gleich 40 bis 50 junge Leute machen“, weiß Busch. Auch die Münchner Verkehrsgesellschaft macht immer wieder die gleiche Erfahrung: Es gibt eine Flut an Bewerbungen für die neun Ausbildungsplätze zum Industriekaufmann, aber nur wenig Interesse am Kaufmann für Verkehrsservice, wofür fünf Lehrstellen zur Verfügung stünden. Dabei hat auch dieser gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. „Es kann dauern, bis sich eine neue Ausbildung etabliert hat“, sagt Irmgard Frank vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). „Manche werden sehr schnell nachgefragt, eher kleinere Berufe brauchen länger.“

Zweifel, dass man mit einer brandneuen Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt weniger Chancen hat als beispielsweise ein klassischer Bankkaufmann, brauchen die jungen Pioniere nicht zu haben. Im Gegenteil. „Man kann davon ausgehen, dass keine Luftnummern entwickelt werden“, sagt Irmgard Frank vom BIBB. Schließlich entstehen neue Ausbildungen meist auf Initiative der Wirtschaft, die akuten oder längerfristigen Bedarf sieht. Voruntersuchungen sollen klären, wohin sich die Arbeitswelt entwickelt hat, welche Produkte in Zukunft stärker gefragt sind. Unter der Federführung des BIBB entwickeln Arbeitgeberkreise und Gewerkschaften dann passgenaue Lehrpläne, die Ausbildungsordnungen.

„Grundsätzlich kann man sagen, dass der Trend Richtung Dienstleistung geht“, weiß Frank. In dieser Branche entstehen die meisten neuen Berufe. Aber auch Altbewährtes wird aktualisiert und an die veränderte Arbeitswelt angepasst. Azubis sollen heute eine Ahnung von Arbeits- und Geschäftsprozessen und nicht nur allein technische Fähigkeiten vermittelt bekommen. Weitblick ist gefragt. „Ein junger Handwerker muss heute wissen, woher er etwas bekommt und wohin sein Produkt geliefert wird“, sagt die Ausbildungsexpertin vom BIBB.

Aus 349 verschiedenen Ausbildungen können Schulabgänger in Deutschland wählen. Jedes Jahr kommen ein paar neue hinzu. 2009 zum Beispiel der Beruf des Werksfeuerwehrmanns und der Werksfeuerwehrfrau. Sie sind für Brand- und Gefahrenschutz in großen Unternehmen zuständig, arbeiten an Häfen und Flughäfen, in Kraftwerken, der Chemie-, Metall- und Elektroindustrie oder bei Automobilherstellern. Ebenfalls seit dem aktuellen Ausbildungsjahr möglich: Industrieelektriker. Die Ausbildung dauert zwei Jahre, bietet also einen schnellen Weg zu einem Beruf in der Elektro-Branche. Ab 2010 soll unter anderem eine Ausbildung zum Geomatiker angeboten werden, der den bekannten Beruf des Kartografen ablöst.

Seit 1996 wurden insgesamt 219 Berufsprofile einer Frischekur unterzogen. Der Bergbaumechaniker heißt nun Bergbautechnologe – oder auch Bergbautechnologin. Denn erstmals dürfen auch Frauen ran; das war noch bis vergangenes Jahr verboten. Bergleute sind heute längst nicht mehr nur in der Steinkohleförderung unter Tage aktiv, sie arbeiten auch in der Erdgas- und Erdölförderung. Deshalb gehört nun auch das Fach Tiefbohrtechnik mit zum Stundenplan.

Einen Überblick über neue Berufe, die erst kürzlich ins Leben gerufen wurden oder bis 2011 kommen sollen, bieten die Internetseiten des BIBB (www.bibb.de) oder der Agentur für Arbeit (www.berufenet.arbeitsagentur.de).

Doch so spannend die Profile auch klingen – „Eine starke Nachfrage gibt es weiterhin nach einer traditionellen Ausbildung“, sagt Irmgard Frank vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

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