Zeitung Heute : Neue Zeiten, neue Zeichen

„Habt keine Angst vor Güte und Zärtlichkeit!“ Bei der Amtseinführung zeigt Papst Franziskus vor 150 000 Menschen, dass sich in Rom etwas zu verändern beginnt.

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Ära Franziskus. Der Papst bei seiner Inaugurationsmesse. Foto: Reuters
Ära Franziskus. Der Papst bei seiner Inaugurationsmesse. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Als könnte er es nicht erwarten anzufangen. Schon am Sonntag hat Papst Franziskus sein Mittagsgebet vor der Zeit begonnen; diesen Dienstag nun ist der große Gottesdienst zur Amtseinführung auf halb zehn Uhr angesetzt – doch bereits fünf Minuten zuvor kniet der Papst am Grab des Apostels Petrus. Und als er mit der Kardinalsprozession aus dem Petersdom ins Freie tritt, um die öffentliche Messe einzuleiten, schaut Franziskus noch einmal verstohlen auf seine Armbanduhr.

Dabei hat er zu diesem Zeitpunkt einen Teil des Programms schon hinter sich: das Bad in der Menge. Der neue Papst hat die Fahrt über den Petersplatz im offenen Papamobil vorweggenommen, um Applaus und Gottesdienst säuberlich zu trennen. Dabei hat er einen neuen Gestus in die streng normierte päpstliche Segnungssprache eingeführt: den Okay-Daumen. Und Franziskus hat nicht nur seine Runden gedreht, sondern er ist – was wohl noch kein Papst vor ihm gemacht hat – auch noch abgestiegen, um einen Gelähmten zu segnen. „Achtet aufeinander, behütet einander“, wird er später in seiner ersten großen Publikumspredigt sagen: „Habt keine Angst vor Güte und Zärtlichkeit!“

Es ist Frühling auf dem Petersplatz, zugleich bläst ein kalter Nordwind. Und Franziskus muss aufpassen, dass er nicht stolpert. Schon bei der Begegnung mit den Kardinälen vergangene Woche wäre er ums Haar die Stufe vor seinem Sessel hinuntergefallen; diesen Dienstag, bei der Messe, sieht es wieder so aus, als habe der 76-Jährige treppab so seine Schwierigkeiten.

Anders als erwartet, gibt es an diesem Dienstag nicht die Bibeltexte, mit denen man bei der Einführung eines Papstes rechnen würde: die mit den „Schlüsseln des Himmelreiches“ beispielsweise, wo Jesus seinem ersten Apostel die Macht verleiht, nach eigenem Ermessen und mit Bindewirkung fürs Jenseits das Paradies zu öffnen oder zu versperren. Stattdessen lässt Franziskus einen ganz menschlichen Text verlesen: das Evangelium des Tages, das zum Fest des Heiligen Josef, wo jener – auf göttliche Bitte – eine Verlobte namens Maria zu sich nimmt, auch wenn diese offensichtlich schwanger ist.

Es ist dann auch nicht die Legitimation eines katholisch-konfessionellen Papsttums, die Franziskus aus diesem Bibeltext gewinnt. Seine Predigt richtet sich über den Horizont der Kirche hinaus an „alle Männer und Frauen guten Willens“. Und ihnen sagt er: „So antworten wir auf den Anruf Gottes: indem wir uns gegenseitig behüten und indem wir die Schöpfung behüten. Wo der Mensch dieser Verantwortung nicht gerecht wird, greift die Zerstörung, und das Herz trocknet aus. Lassen wir nicht zu, dass Zeichen des Todes den Lauf unserer Welt begleiten!“ Vom Platz herauf unterbricht ihn der Applaus. Und die Macht des Papstes, des monarchischen Oberhaupts einer Kirche von 1,2 Milliarden Gläubigen? „Wahre Macht ist Dienen“, sagt Franziskus

Dass „Papa Bergoglio“, wie sie ihn in Rom schon nennen, gut und gerne scherzt, das hat er beispielsweise am Sonntag mit einer spontanen Einlage beim Mittagsgebet bewiesen. Da hat er auf ein Buch des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper zurückgegriffen. „Ein guter Theologe, mächtig auf Draht“, sagte Franziskus da und durchbrach damit wieder einmal eine Konvention, die nämlich, dass ein Papst einen anderen Theologen höchstens zitiert, nie aber ausdrücklich lobt. Und er setzte hinzu: „Glauben Sie jetzt aber nicht, dass ich Werbung mache für die Bücher meiner Kardinäle!“

Bei der Messe am Dienstag steht ein anderer Papst da. Ein ganz gesammelter, der die rituellen Gebete und die lateinischen Gesänge des Gottesdiensts mit gesenktem Kopf verfolgt. Franziskus schaut nicht über den weiten Platz, er scheint in sich selbst versunken.

Trotzdem fliegt die Welt auf Franziskus. Waren zum Abschied, zur letzten Generalaudienz Benedikts XVI. als die vom Vatikan angekündigten Staatsoberhäupter immerhin jene von San Marino und Andorra da, so haben sich zur Einführung des Nachfolgers 132 Regierungsdelegationen aus aller Welt eingefunden. Kirchenpolitisch sorgt für Aufsehen, dass zum ersten Mal seit tausend Jahren auch der griechisch-orthodoxe Patriarch, Bartolomaios aus Istanbul, zur Einführung eines Papstes angereist ist; bis dato kamen Leute wie er höchstens zu Begräbnissen. Die Spitzen der EU sind da, die deutsche Bundeskanzlerin, US-Vizepräsident Joe Biden, selbst der Diktator von Simbabwe, Robert Mugabe, ist gekommen. Die brasilianische Präsidentin Dilma Roussef ist angereist, ihre argentinische Kollegin Christina Fernandez de Kirchner sowieso. Auch wenn sich Jorge Mario Bergoglio als Kardinal von Buenos Aires politisch nicht mit der Staatschefin verstanden hat: Als Papst Franziskus hat er sie kurzerhand zum Mittagessen eingeladen. Einem Benedikt XVI. wäre so etwas nie eingefallen. Es beginnen, sagen sie alle in Rom, neue Zeiten.

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