Zeitung Heute : Neuer Sprit in alten Schläuchen

Vielen Berlinern ist der Kraftstoff E 10 noch fremd

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Grüner wird’s nicht. Die Umstellung auf das neue Bio-Benzin E10 in Deutschland hat begonnen. Aral bezieht seit einer Woche E 10 und befüllt damit die Zapfsäulen. Foto: dpa
Grüner wird’s nicht. Die Umstellung auf das neue Bio-Benzin E10 in Deutschland hat begonnen. Aral bezieht seit einer Woche E 10...Foto: dpa

Die Zapfsäule versperrt den Blick auf die Preise. Also geht Süleyman Kaya einige Schritte zur Seite, den Tankdeckel in der Hand und starrt auf die Anzeigetafel an der Auffahrt der Tankstelle. „Super E 10 – 143,9“ steht dort. Unschlüssig bleibt der 20-Jährige stehen. „Ich wollte eigentlich gerade das neue E10 tanken“, sagt er unsicher.

E steht für Ethanol, Bio-Ethanol um genau zu sein. Und die 10 steht für zehn Prozent: Das Benzin mit zehn Prozent Biospritanteil ist erst seit ein paar Tagen auf dem Markt und die Tankstelle in Kreuzberg eine der ersten, die es in Berlin überhaupt verkauft. Auf den neuen Treibstoff warten große Aufgaben: Er soll den Klimawandel ein wenig aufhalten und dafür sorgen, dass die weltweiten Ölreserven länger reichen: Biokraftstoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt sind, verursachen weniger CO2. Bslang war im Super-Benzin ein Biospritanteil von fünf Prozent enthalten.

„E 10 ist jedoch nicht für alle Fahrzeugmodelle geeignet, im Gegensatz zu E5“, steht auf der Homepage des ADAC. Und weiter: „Bereits eine einzige irrtümliche Tankfüllung mit E 10 kann bei nicht dafür freigegebenen Fahrzeugen zu ernsten Schäden führen.“ An der Zapfsäule klebt eine Zettel: Man solle doch im Zweifelsfall lieber Super 98 tanken. Doch das kostet fünf Cent mehr pro Liter.

Süleyman Kaya sagt, er habe keine Ahnung, ob der grüne Renault Clio seines Schwagers, den er sich ausgeliehen hat, das neue Bio-Benzin verträgt. Schließlich hat er gerade eben erst mitbekommen, dass es von jetzt an E 10 zu kaufen gibt. Mit der Idee, die dahinter steckt, hat der Abiturient sich allerdings schon etwas beschäftigt, auch im Unterricht in der Schule: „Wenn es der Umwelt wirklich gut tut, wie die das sagen, ist es natürlich eine gute Idee“, sagt er. Aber in seiner Stimme klingt ein bisschen Skepsis mit: „Es gab da doch das Problem mit dem Maisabbau in Mexiko, als die Bevölkerung wegen des Biosprits nicht mehr genug zu essen hatte.“ Er meint die so genannte „Tortillakrise“ 2007, die entstand, als die Nachfrage nach Ethanol-Sprit in den USA so groß wurde, dass im Nachbarland Mexiko der Mais knapp und damit teuer wurde.

Im Zusammenhang mit der Einführung des E 10 kritisieren Experten, dass etwa ein Drittel des Biosprits für die Beimischung nach Deutschland importiert wird – Tendenz steigend. Eine „Nachhaltigkeitsverordnung“ schließt seit dem 1. Januar zwar aus, dass Urwälder gerodet oder Torfmoore trockengelegt werden, um Palmöl oder Zuckerrohr für die Agrartreibstoffe anzubauen.

Doch gibt es auch durch die Verordnung anscheinend keine Garantie dafür, dass die Energiepflanzen nicht statt Gemüse angebaut werde, das als Nahrungsmittel gedacht ist. Weiter steht in der Verordnung, dass Benzin nur Bioethanol beigemischt werden darf, das über die gesamte Produktionskette hinweg 35 Prozent weniger Treibhausgase erzeugt als konventionelles Benzin, wenn es verbrannt wird. Doch es sei äußerst schwierig, die Produktionsketten nachvollziehen, kritisieren Experten.

Süleyman Kayas Beifahrer, der beim Auto geblieben ist, wird inzwischen ungeduldig: „ E 10?“ , ruft er fragend? „Ja“, antwortet Kaya trotz aller Kritik und Bedenken und der Beifahrer steckt den Stutzen in den Tank. „Das Super 98 ist mir zu teuer.“

Anders geht es Steffen Radlmaier. Der Mittfünfziger im grauen Lambswool-Pullover hat gerade das teurere Super 98 in den Tank seines silbernen Chryslers gefüllt – nachdem er die Notiz an der Zapfsäule gelesen hat. Es war das zweite Mal an diesem Tag, dass ihm das Kürzel E 10 begegnet ist. „Ich bin aus Nürnberg nach Berlin gefahren und habe unterwegs zum ersten Mal davon gehört“, sagt er. Der Tankwart einer Autobahnraststätte habe ihm davon erzählt. „Die Einführung des E 10 ist ganz schlecht kommuniziert worden“, sagt er. „Ich bin eigentlich ein gut informierter Mensch und interessiere mich für solche Entwicklungen.“

Ganz anders die junge Frau mit den schwarzen langen Haaren, die E10 für genau 30 Euro von ihren schwarzen Mazda füllt. „Ich habe drinnen gefragt und die haben gesagt, mein Auto verträgt das.“ Jetzt tankt sie E 10 schon zum zweiten Mal – für die Hintergründe interessiere sie sich aber überhaupt nicht, sagt sie.

Mauro Seves aus Bremen hingegen weiß sofort etwas mit dem Begriff Bio-Ethanol anzufangen – aber nicht mit mit dem Kürzel E 10. Und das, obwohl er damit gerade seinen verbeulten Citroen betankt. „Mir war gar nicht aufgefallen, dass etwas anders ist. Ich habe nur geguckt, wo ,Super’ steht“, sagt der 22-Jährige aus Bremen. Das Wort ,super’ ist tatsächlich fett gedruckt an den Zapfsäulen, daneben steht in gleicher Schriftgröße, aber wesentlich feineren Linien „E10“. Man versuche damit wohl, die Industrie von fossilen Treibstoffen künstlich länger am Leben zu halten, meint er: „Bio-Ethanol ist nicht die Lösung, die geht eher in Richtung regenerative Energien.“

Martin Peter ist das neue E 10 „total egal“. Er hat gar kein Auto, sondern schiebt gerade sein Fahrrad an der Tankstelle vorbei – auch um die Umwelt zu schützen. Daniela Martens

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