Zeitung Heute : Neues Bewusstsein für das Gemeinsame

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TRIALOG

Vergesst die Ich AG!“, sagt Wolfgang Schäuble und fordert stattdessen die „Wir-Gesellschaft“, in der Egoismus eingebunden bleibt in Regeln und Verantwortung für die Gemeinschaft. Das möchten wohl alle gern. Allein, wie kommen wir dahin? Was sich immer mehr zeigt ist, dass Apelle an die Moral ebenso wenig bringen wie Anforderungen an bestimmte Adressen – seien es die eigene Regierung, Parteien, Interessengruppen oder US-Präsidenten. Erfolgversprechender ist, die Instrumente zu überprüfen, die nützen könnten, ein Bewusstsein für das Gemeinsame zu fördern. Mir scheint es, dass die Schwäche des allgemeinen Bewusstseins mit der Schwäche bestimmter Institutionen Hand in Hand geht.

Was die Bürgergesellschaft betrifft, so hatte sie traditionell vier Institutionen, mit denen sie sich ihres gemeinsamen Sinns versicherte: die Kirchen, das Theater, die Zeitung, den Gerichtshof. Die Kirchen haben ihre Rolle weitgehend eingebüßt. Das mag manch einer als Zuwachs an Freiheit interpretieren – er ist es nicht. Wenn aus jedem zweiten Kirchenhaus mangels lebendiger Gemeinden ein Eventschuppen oder ein Luxusrestaurant geworden ist, wird ein Verlust an Leben deutlich. Und wie groß der Fortschritt ist, wenn wir Kinder, Schwache und Verzweifelte statt Priestern und Pastoren demnächst nur Psychoanalytikern und pharmazeutischen Wunderdrogen ausliefern – wie uns der „Spiegel“ rät – darf bezweifelt werden.

Unsere Ensemble-Theater waren einmal die Tempel der Aufklärung und der Klassik. Alle Kommunen sind aber an der Grenze ihrer Finanzen angekommen und haben Schwierigkeiten, ihre Häuser zu subventionieren. Würden diese zu leeren Mietshäusern der Kultur werden, wäre mehr verloren als eine beliebige Abendunterhaltung. Von ihnen sind Revolutionen ebenso ausgegangen wie Bürgerbewegungen kultureller Erneuerung oder eines volkspädagogischen Idealismus. Wollen wir diese unsere einzigartige Theaterlandschaft erhalten, brauchen die Theater Freiheit von manchen tarifpolitischen Fesseln, aber auch ein viel größeres Engagement der Stadtbürger. Jedes Förderabo eine Investition in das Gemeinwesen!

Kaum bewusst ist, wie bedroht die Zeitungslandschaft ist, die nur in ihrer Vielfalt und Unabhängigkeit helfen kann, das Gemeinwesen zu definieren und zu reformieren. Der Einbruch des Anzeigengeschäfts wird bleiben. Mehr Abos von Tageszeitungen ist Bürgerpflicht. Und wenn man eine aus berechtigtem Ärger kündigt – bitte sofort die nächste abonnieren!

Noch einigermaßen intakt erscheinen die Institutionen des Rechts – insbesondere das Ansehen des Bundesverfassungsgerichts. Umso bemerkenswerter dagegen, dass auf internationaler Ebene die Idee der Stärke des Rechts gegenüber dem Recht des Stärkeren gerade eine historische Niederlage erlitten hat. Der so genannte Kompromiss in der Frage des Internationalen Strafgerichtshofs hat die Uno beschädigt – das wird uns noch lange beschäftigen.

Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des Bundestags und Grüne. Sie schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Richard Schröder und Wolfgang Schäuble.

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