Zeitung Heute : „Neues entsteht nur ohne Krampf“

Kreativitäts-Experte Jens-Uwe Meyer über die Ideenfindung als Handwerk

Was sind für Sie die wichtigsten Erfindungen der Menschheit? Was zeichnet sie aus?



Die Dampfmaschine, das Gesamtsystem der elektrischen Beleuchtung von Thomas Edison und das Internet. Alle drei läuteten eine neue Epoche ein und bilden das Fundament der heutigen Wirtschaft.

Woran erkennt man echte Innovationen?

Echte Innovationen führen einen Paradigmenwechsel herbei. Sie verändern die Logik von Branchen, Unternehmen und zum Teil der ganzen Gesellschaft. Daneben gibt es viele funktionale Innovationen, die sozusagen eine neue Evolutionsstufe darstellen. Auch sie sind wichtig.

Was bedeutet Kreativität überhaupt?

Es gibt viele Definitionen von Kreativität. Für mich ist die von Harvard-Professorin Teresa Amabile die schlüssigste. Es ist die Fähigkeit, neue und nützliche Ideen in jedem Bereich zu generieren. Kreativität beschränkt sich keinesfalls auf Kunst oder Werbung. Wer kreativ ist, geht eigenständige Wege, kombiniert Dinge aus unterschiedlichsten Bereichen, vereint scheinbare Widersprüche und entwickelt so neue Denkweisen.

Ist Kreativität angeboren?

Kreative Fähigkeiten sind weitgehend angeboren, aber sie werden häufig überschätzt. Denn sie besagen nur, ob ich theoretisch in der Lage bin, unterschiedliche Wissensbereiche im Kopf neu und schnell miteinander zu vernetzen. Aber es ist ein bisschen wie beim Computer: Der Chip kann noch so schnell sein, wenn die Festplatte leer ist, kann auch nichts vernetzt werden. Zur Kreativität gehört deshalb unbedingt, diese Fähigkeiten auch nutzen zu können. Und das kann trainiert werden.

Wie kann man lernen, kreativ zu sein?

Das Wichtigste ist, das „Richtig oder falsch“-Denken zu überwinden, das in Schule, Ausbildung und Beruf immer noch vorherrscht. Eine Annahme ist entweder richtig oder falsch, dazwischen gibt es oft nicht viel. Kreativität bedeutet aber, Denkwege zu erkunden, die von der herrschenden Meinung abweichen. Die Fähigkeit, unterschiedliche Wahrheiten im Kopf gleichzeitig bestehen zu lassen und auch noch nach Alternativen zu suchen, wenn die Lösung scheinbar schon auf der Hand liegt, ist trainierbar.

Welche Bedingungen am Arbeitsplatz braucht man für gute Ideen?

Wenn Mitarbeiter Angst haben, neue Ideen zu äußern, werden sie niemals welche haben. Wenn sie für Mittelmaß belohnt und für mutige Ideen bestraft werden, verfällt das ganze Unternehmen in kreative Lethargie. Mit der Handelshochschule Leipzig untersuche ich gerade die Innovationskultur der weltweit innovativsten Unternehmen. Sie zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie äußerst tolerant gegenüber Fehlschlägen sind und Mitarbeiter Freiräume für kreatives Denken bekommen. Wenn sie dagegen durchgetaktet sind wie Hühner in einer Legebatterie, fehlt schlicht die Zeit für Neues.

Ist es in Krisenzeiten schwieriger, kreativ zu sein?

In der Krise habe ich fast alle Unternehmen offen für neue Ideen erlebt. Herrliche Zeiten für Kreative. Die alten Lösungen funktionieren nicht mehr, fast möchte man sagen: Endlich! Unternehmen, die sich lange auf ihren Erfolgen ausgeruht haben, suchen nun offensiv nach neuen Wegen. Bei Samsung ist die Dauerkrise übrigens ein Führungsprinzip: Jeden Tag den Weltuntergang ausrufen, damit das Unternehmen keine Innovationen verschläft.

Welche Voraussetzungen brauchen Gruppen, um kreativ zu sein?

Vor allem Vielfalt. Wenn immer die gleichen Menschen über die gleichen Probleme nachdenken, kommen sie immer wieder auf die gleichen Lösungen. Stecken Sie fünf Banker in einen Raum und bitten Sie sie, neue Bankkonzepte zu entwerfen. Heraus kommt immer eine Lösung mit einem Schalter, Kundenberatern mit Schlips und Werbung, auf der die Worte Rendite oder Zinsen stehen. Erst wenn radikal neue oder fremde Sichtweisen vertreten sind, entsteht Neues.

Blockieren Hierarchien Kreativität?

Hierarchien können Ideen behindern, wenn das Unternehmen einen autoritären Führungsstil hat. Sie können aber auch nützlich sein, weil Mitarbeiter sich und ihre Ideen ernst genommen fühlen. Die wichtigste Frage ist: Verändert sich das Raumklima, wenn der Chef da ist? Wenn es still wird, sollte er gehen.

Was tun bei einer gedanklichen Blockade?

Sehr gut funktioniert die DIAS-Technik: Denken in Analogie-Szenarien. Stellen Sie sich einfach etwas anderes vor. Sie schreiben zum Beispiel einen Bericht für Ihren Chef. Die Angst, etwas falsch zu machen, lähmt sie. Stellen Sie sich vor, Sie würden den Bericht für Ihren Lieblingskollegen schreiben, das entkrampft. Oder Sie wollen Ideen für ein Luxusauto entwickeln. Dummerweise machen Sie das seit 10 Jahren und sind vollkommen festgefahren. Stellen Sie sich stattdessen eine Luxusyacht vor. Das führt Ihren Kopf auf neue gedankliche Wege.

Welche einfachen Methoden können zu guten Ideen führen?


Sehr effektiv ist das kaleidoskopische Denken, das Thomas Edison angewendet hat: Sie definieren eine Frage und suchen sich dazu vielfältige Inspirationen, die Sie – bildhaft gesprochen – ins Kaleidoskop werfen und dran drehen. Konkret: Sie wollen eine Internet-Marketingkampagne entwickeln. Suchen Sie sich 20 außergewöhnliche Kampagnen und lassen Sie sich inspirieren. Mischen Sie die Ideen durcheinander, machen Sie sie kleiner oder größer, weiter oder enger und so weiter. Wie bei einem Kaleidoskop entstehen nach kurzer Zeit vollkommen neue Formen, Muster und Ideen.

Das Gespräch führte Judith Jenner.

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