Zeitung Heute : Neues Haus für Alte Meister

BERNHARD SCHULZ

Nicht immer ist das geflügelte Wort, "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört", seit der Öffnung der Mauer passend zitiert worden.Hier aber trifft es so, wie es gemeint war: die Wiedervereinigung der Staatlichen Museen Berlins löst das Wort ein.Wie die staatliche Einheit Deutschlands, ist auch die Wiedervereinigung der Museen und der anderen, einst preußischen Kulturinstitutionen ein langdauernder Prozeß.Am heutigen Freitag erlebt diese Entwicklung ihren weiteren - und bislang wohl schönsten - Höhepunkt, wenn der Neubau der Gemäldegalerie am Kulturforum feierlich eingeweiht wird.Die bislang auf das Dahlemer Provisorium im Westen und das Bode-Museum auf der Museumsinsel im Osten der Stadt verstreuten Bestände der klassischen Malerei finden wieder zueinander, und nichts erinnert mehr daran, daß die Meisterwerke seit knapp 60 Jahren nicht mehr vereint zu bewundern waren.

Denn es ist nicht nur die Nachkriegsteilung der Gemäldesammlung, die mit der Eröffnung des Neubaus abgeschlossen wird.Es ist zugleich die unselige Vorgeschichte dieser Teilung, die die preußischen Museen seit 1939 erst ihrer Öffentlichkeit beraubte und schließlich beinahe völlig in den Untergang trieb.Katastrophal war im Mai 1945 der Verlust von 434 großformatigen Gemälden durch Brand im Flakturm Friedrichshain.Danach begann für einen Teil der Berliner Schätze die erst 1958 beendete Odyssee als sowjetische "Trophäenkunst".Im geteilten Berlin wuchsen dann zwei parallele Museumskomplexe heran - beide mit Gemäldegalerien, aus demselben Ursprung entstanden und ihrer Zusammengehörigkeit beraubt.

So ist in die Freude über die Wiedervereinigung, ja den Wiedergewinn der Gemäldesammlung auch mit dem Schmerz über die Folgen der Vergangenheit belastet, die alle Anstrengungen der Nachkriegszeit nicht haben ausgleichen können.Vieles ist seitens der Stiftung Preußischer Kulturbesitz - mithin durch den materiellen Beistand des Bundes und der Länder - hinzuerworben worden.Doch ein jedes Kunstwerk ist singulär, und keines kann jemals ersetzt werden; und wenn auch die Hoffnung nie ganz erloschen ist, der fatale Brand von 1945 verberge in Wahrheit nur den Abtransport der Bilder als Kriegsbeute, konnte die Gemäldegalerie immer nur von ihrem jeweiligen Besitz aus planen.

Den aber präsentiert sie im neuen Haus so glanzvoll, wie der Besucher es von den ersten Adressen der Welt gewohnt ist.Mit seiner neuen Pinakothek gewinnt Berlin sichtbar den einstigen Rang unter den führenden Museumsstädten zurück, wie ihn etwa Paris mit dem Louvre oder Wien mit seinem Kunsthistorischen Museum in beneidenswerter Kontinuität einnehmen.Und zugleich erhält die so oft und ungerecht geschmähte West-Berliner Nachkriegsschöpfung des Kulturforums neben Philharmonie, Staatsbibliothek und Nationalgalerie ihren vierten Schwerpunkt - und einen Publikumsmagneten dazu.

Daß die Gemäldesammlung ein neuerrichtetes und lange zuvor geplantes Haus bezieht, nicht aber ihr angestammtes Domizil auf der Museumsinsel, hat anfangs manche Wehmut ausgelöst.Gleichwohl - es ging nicht anders.Der Besuch am Kulturforum wird die Zweifler überzeugen.Nur der Neubau konnte die Anforderungen erfüllen, die heutzutage an ein Museum Alter Meister gestellt werden müssen - wenn ihre Präsentation nicht in eine ferne Zukunft verschoben werden soll.Denn die Sanierung der Museumsinsel und ihrer Bauten - unter denen die des Bode-Museums nicht einmal die drängendste ist - bindet auf viele Jahre hinaus die finanziellen Kräfte der Museen.

Die Eröffnung der neuen Gemäldegalerie gibt neuerlich Anlaß, sich des Ranges der von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bewahrten Schätze bewußt zu werden - und die Wiederherstellung ihrer maroden Baulichkeiten in der Mitte Berlins entsprechend zu forcieren.Auch wenn der heutige Tag ganz der Freude über den neuen Glanz einer großartigen Sammlung gewidmet ist - die anstehenden Aufgaben verlangen Anstrengungen, die dem Kraftakt des Gemäldegalerie-Neubaus in nichts nachstehen.Die vor wenigen Tagen angekündigte Anmeldung der Museumsinsel zum Unesco-Weltkulturerbe weist den Weg, den Berlin auf dem Weg zurück zur Kulturmetropole von Weltrang nehmen muß.

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