Zeitung Heute : Neues Kranzler Eck: "Auszeit für gestresste Büromenschen"

Harald Olkus

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, heißt es. Genauso wenig brechen wohl mit einem Goldfasan gleich goldene Zeiten an. In der Voliere des Neuen Kranzler Ecks stolzieren zwar einige Exemplare dieses prächtig gefiederten Vogels zusammen mit zehn weiteren Arten exotischer Vögel herum, doch bevor sich die Manager des seit zweieinhalb Monaten eröffneten Büro- und Geschäftszentrums entspannt zurücklehnen können, gibt es noch eine Menge zu tun. Denn der große Magnet, der die City-West als Bürostandort wieder nach vorne bringt, ist das Neue Kranzler Eck noch nicht.

Die Mitbewerber am Kudamm sind zurückhaltend mit ihren Reaktionen. Christian Pepper vom Europa Center möchte sich zum Neuen Kranzler Eck lieber gar nicht äußern. Volker Pesarese, Geschäftsführer des Wertheim-Kaufhauses, meint zwar, dass der Komplex die in ihn gesetzten Erwartungen als "Attraktor" für den Kudamm noch nicht erfüllt hat, "aber wir sind sehr gespannt auf den Gourmet-Markt", meint er abwartend.

Im insgesamt 70 000 Quadratmeter großen Komplex aus Stahl und Glas zwischen Kudamm, Joachimstaler- und Kantstraße, entworfen vom Architekten des Sony Centers, Helmut Jahn, bietet die Deutsche Immobilien Fonds AG (DIFA) 22 500 Quadratmeter Einzelhandels- und Gastronomieflächen, 4100 Quadratmeter Freizeitflächen und 45 000 Quadratmeter Büroflächen an. Die 24 Einzelhandelsflächen seien bis auf einen Laden komplett vermietet, sagt DIFA-Vorstandsmitglied Jürgen Ehrlich. Bei der noch zu vergebenden Fläche will sich das Center Management mit der Auswahl des Mieters Zeit lassen, da es sich um besagte Gourmet-Ecke handelt.

Auch die Freizeiteinrichtung, die ein Wellness-Center werden soll, ist noch ohne Betreiber. Noch sei man von den Konzepten der bisherigen Anbieter nicht überzeugt, sagt Ehrlich. Unter Wellness verstehe er eher Ruhe und Entspannung als ein sich abquälen in Fitnessmaschinen. Er wolle lieber so etwas wie den Raum der Stille im Seitenflügel des Brandenburger Tors.

Auch die Voliere erfülle so eine Funktion. Sie komme gut an bei den Passanten und auch DIFA-Mitarbeiter gingen hin und wieder in den Innenhof, um dort zu entspannen. Deshalb müsse auch der Wellness-Bereich unter dem Vorzeichen "Auszeit für gestresste Büromenschen" gesehen werden. Schließlich sollen in dem Komplex einmal rund 2000 Menschen arbeiten, der Großteil von ihnen in Büros.

Noch sind von den insgesamt 45 000 Quadratmetern Bürofläche erst 12 000 Quadratmeter vermietet, bei weiteren 6000 Quadratmetern befinde man sich in den Schlussverhandlungen. "Aber ich bin froh über jeden unvermieteten Quadratmeter", sagt Ehrlich überraschend. Je später er vermiete, desto höhere Preise könne er erzielen, kalkuliert er. Die Mietpreise für Büroflächen hätten in den vergangenen sechs Monaten in Berlin "stark angezogen". Und Ehrlich rechnet damit, dass dieser Trend weiter anhält. Während er jetzt noch Spitzenmieten von 45 Mark pro Quadratmeter erzielt, soll bei der letzten vermieteten Fläche eine fünf an der ersten Stelle stehen. Ehrlich stützt sich dabei auf Erfahrungen aus Frankfurt, wo die DIFA für ihre Büroflächen in der "Frankfurter Welle" anfangs 80 Mark pro Quadratmeter erzielte. Jetzt seien dort sogar 95 Mark drin. Wer später einziehe, bekomme nicht nur ein volleres Haus mit mehr Nachbarn geboten, er vermeide auch die noch herrschende Baustellen-Atmosphäre.

Da die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr üblicherweise die stärkste Verkaufswoche im textilen Einzelhandel sei - der Großteil der 24 Geschäfte im Neuen Kranzler Eck sind aus dieser Branche - habe man den Komplex bereits in dieser Woche eröffnet, auch wenn die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen waren. Nachdem man die ersten Monate nun "vernünftig überstanden" habe, sollen die Freiflächen des Neuen Kranzler Ecks jetzt ansprechender werden. Vom kommenden Freitag an soll drei Mal in der Woche ein Frischemarkt mit 22 Händlern stattfinden und Passanten in den Innenhof locken. Denn die strömen noch längst nicht im angestrebten Maße durch das Objekt. Laut einer Passantenfrequenzzählung vom Februar wurde das Gelände von rund 6000 Menschen am Tag durchschritten, während draußen auf dem Kudamm rund 14 000 Menschen vorbeigingen. "Das muss noch besser werden", sagt Ehrlich. "Unser Ziel ist der gleiche Passantenauflauf hier drinnen wie draußen auf dem Kudamm." Bis zur "Langen Nacht des Shoppings" am kommenden Samstag sollen deshalb die Baumaterialien und Fahrzeuge im Hof des Neuen Kranzler Ecks verschwunden sein.

Das Neue Kranzler Eck ist eines von vier "City Quartieren" der DIFA. Die "Frankfurter Welle" in der Bankenstadt ist das größte der Projekte, das Neue Kranzler Eck folgt auf Platz zwei. Das kleinste der vier City Quartiere sei das ABC Center in Hamburg mit 48 000 Quadratmetern. Im "Dom Aquaree", das derzeit gegenüber dem Berliner Dom an der Spree in Mitte gebaut wird, sei auf 64 000 Quadratmetern die angestrebte Nutzungsmischung am größten. Neben einem Hotel sollen dort Wohnungen, Büros, Einzelhandel, eine Klinik und ebenfalls ein Wellness-Center entstehen. Statt einer Voliere mit Vögeln soll der Erlebnisfaktor an der Spree in Mitte aber ein Aquarium mit exotischen Fischen sein.

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