Zeitung Heute : Neues Media Terminal: Box für Internet und Digital-TV

Jochen Meissner

Drei Stunden sitzt der Deutsche täglich vor dem Fernseher. Nur 17 Minuten nutzt er das Internet. Versuche, das World Wide Web 1:1 auf den Fernsehschirm zu bringen, waren wenig erfolgreich. Schriften und Bilder sind zu klein, die Ladezeiten nerven. Niemand will auf dem Sofa eine Tastatur bedienen. Deshalb versucht die finnische Firma Nokia die Integration von digitalem Fernsehen und Internetdiensten voranzutreiben. Das neue Media Terminal, dass im Herbst auf der Internationalen Funkausstellung vorgestellt werden soll, ist eine Kreuzung von digitalem Satelliten-Receiver und Computer.

Der Rechner besteht aus einem Intel Celeron Prozessor mit 566 MHz, der unter einem Linux-Betriebssystem läuft, und alle offenen Standards unterstützt. Außerdem gibt es eine 40-GB-Festplatte, die als digitaler Videorekorder funktioniert. Davon stehen dem Kunden allerdings nur 20 GB zur freien Verfügung, der Rest wird von den Angeboten der Anbieter belegt, die das Media Terminal auf weit weniger als 1000 Mark heruntersubventionieren sollen. Nokias Geschäftsmodell besteht darin, nicht nur Festplattenkapazität sondern auch den Platz auf den in einer x/y-Achse angeordneten Navigationsleisten zu vermieten.

Versandhäuser könnten sich beispielsweise einen so genannten "Ordner" auf der horizontalen Leiste reservieren und auf der vertikalen ihre Warengruppen präsentieren. Mit einfachen rechts/links- bzw. oben/unten-Klicks bewegt man sich dann durch die Angebote, wobei es letztlich irrelevant sein soll, ob sie vom Fernsehen, der Festplatte oder aus dem Internet kommen. Dazu sollen die Anbieter ihre Internetseiten fernsehgerecht aufbereiten - "von dot.com zu dot-tv.com" nennt das Nokia-Sprecher Helmut Stein.

An der Telefonrechnung wird man merken, in welchen Gefilden man sich herumgetrieben hat, weshalb ein schneller Zugang (mindesten ISDN, besser DSL) und eine Flatrate vorhanden sein sollte. Nokias Pläne für das "Wohnzimmer der Zukunft" gehen noch weiter. Diverse Schnittstellen sorgen für eine Vernetzung mit dem PC. Die Verbindung mit dem breitbandigen UMTS-Netz ist geplant. Das Handy könnte dann die Funktion des Rückkanals übernehmen und als Bezahlsystem für den E-Commerce fungieren. Das Bezahl-Fernsehen Premiere World kann man mit dem Media Terminal noch nicht empfangen, dazu braucht man die dBox, die auch von Nokia hergestellt wird. Die Kirchgruppe will ihr Pay-TV aber über ein "Common Interface" und damit auch andere Geräte empfangbar machen. Im Herbst wird das Media Terminal in Schweden auf einem Testmarkt eingeführt, in Deutschland soll es im ersten Quartal 2002 verfügbar sein.

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