Neues vom Planeten MODE : Geld wird knapp – die Röcke auch

Grit Thönnissen liest aus dem Kaffeesatz

Grit Thönnissen

Eigentlich sind in New York, London, Mailand und Paris ja nur die Anziehsachen für das nächste Frühjahr gezeigt worden. Eigentlich, denn Modedesigner gelten als verkappte Wahrsager, die gesellschaftliche Schwingungen in ihren Entwürfen verarbeiten, bevor sie überhaupt da sind. Von den miesen Finanzen in diesem Herbst haben die Designer allerdings bestimmt nichts gewusst, als sie vor einem Jahr ihre Stoffe bestellten, die Farben festlegten und die ersten Silhouetten zeichneten. Modemacher neigen außerdem dazu, sich mit Kleidern zu beschäftigen und nicht mit der wunderbaren Welt der Finanzen.

Aber schließlich hat jeder was dazu zu sagen – warum also nicht auch sie. Alle haben Angst, alle wollen wissen, wie es weitergeht, da kann man aus dem Kaffeesatz lesen oder auch Kleider als Orakel für gesellschaftliche Befindlichkeiten in der kommenden Saison bemühen. Die alte Modeweisheit geht so: In mageren Zeiten reichen die Röcke bis an die Knöchel, in fetten Zeiten können sie nicht kurz genug sein. „Nach den Röcken bei Louis Vuitton zu schließen, wird die Wirtschaft im nächsten Sommer boomen“, meldete die „International Herald Tribune“ aus Paris. „Die Mode tanzt auf dem Vulkan“, titelte dpa, und „Mode als Gegengift“ prognostizierte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“.

Die Mode – wie gesagt, geplant vor einem Jahr – demonstrierte Reichtum, was ihr der eine oder andere Berichterstatter übel nahm. Die Stoffe sind goldbeschichtet, wenn auch oft so zerknittert, als habe man den Schokohasen schon ausgepackt und wolle die Verpackung nicht wegwerfen. Bewusst lebende Menschen raten sowieso dazu, mal ganz aufs Shoppen zu verzichten. Genau davor haben die Modebosse großer Unternehmen wie LVMH am meisten Angst, deshalb müssen die Begehrlichkeiten verändert werden. Weil sich „It-Bags“ (die Sorte Tasche, für die bestimmte Frauen angeblich töten würden) nicht mehr so gut verkaufen, ist jetzt Schmuck die neue Tasche. Es wird also nicht mehr in Leder, sondern in Edelmetalle investiert, was ja zu der allgemeinen Tendenz passt, sich Goldbarren unters Kopfkissen zu legen. Wenn das nicht prophetisch ist!

Auch wenn die seherischen Fähigkeiten der Modedesigner derzeit gefragt sind – in Zeiten, in denen Umsatzkurven mehr bedeuten als Mut zu Neuem, wird ein Designer auch schnell gefeuert, wenn er zu weit in die Zukunft schaut. So ist es jetzt Alessandra Facchinetti bei Valentino ergangen. Sie stellte eine moderne Variante des Valentino-Stils vor und muss trotzdem gehen: Sie habe zu wenig in die Archive des großen Meisters geschaut und stattdessen ihre eigenen Ideen umgesetzt, lautet der Vorwurf.

Der britische Modedesigner Alexander McQueen hat das Spiel verstanden: Als Vorbereitung auf die neue Saison las er Charles Darwin und übte mit seiner Bühnendeko, ausgestopften wilden Tieren, Kritik am Motto „Survival of the fittest“. Da ist es gut, wenn am Ende der Schau ein Plüschhase die Bühne betritt und alles wieder ins Lot bringt. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll sich in dem Stofftier der Designer selbst versteckt haben. Freundlich winkte er seinem Publikum zu mit der Botschaft: Nehmt es nicht zu ernst! Es ist nur Mode! Das macht Spaß! Auch in Krisenzeiten.

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