Neues vom Planeten MODE : Helmuts Kleider

Timo Feldhaus über die Sehnsucht der Jugend nach der klassischen Moderne

Timo Feldhaus

Parallel zur derzeit in Hannover stattfindenden Ausstellung „Alles Gleich Schwer“ zeigt sich in Berlin „ein kleiner entfernter Satellit“ Helmut Langs. So bezeichnet Jörg Koch, der Chef hinter dem Design-Magazin 032c, die Videoarbeit „HL-Art Archive, 1986-2005“, die derzeit im Museumsstore des Magazins präsentiert wird.

Auf fünf Bildschirmen, die in einer Glasvitrine stehen, blitzen in knapp fünf Minuten 3000 Bilder von Kleidungsstücken aus den Kollektionen Langs auf. Im Schimmer der grauweißschwarzen Überblendungen erkennt man Pulloverskelette, löchrige Leibchen und radikal reduzierte Accessoires – eine unsentimentale Dokumentation seiner zwanzigjährigen Arbeit als Designer.

Mit der Präsentation des Digitalarchivs kommt der Österreicher endlich in der deutschen Hauptstadt an. Berlin war, so will es jedenfalls der Mythos, fast zu jeder Zeit irgendwie sexy – vor allem aber war es beständig arm. Selbst in den Neunzigern, als die New Economy Geld in die Taschen junger Kreativer spülte und mit der Hochzeit des minimalistischen Designers zusammenfiel, verstand der Berliner die intellektuellen Distinktionsgrade der Mode Langs kaum. Es gab, was High-Fashion angeht, zu wenig Vorgeschichte, als dass man die Bewegung weg von freakiger Kostümierung hin zu konzeptueller Schlichtheit zwingend gefunden hätte. Wenn schon Mode, dann sollte sie bitte auch so aussehen. Die subtilen Schnitte des nüchternen Designers waren da entschieden zu unexaltiert. Kleidung, deren Eleganz sich hinter minimalem Purismus versteckt hält, erschien dem Berliner suspekt. Dass auch in der Mode bisweilen jegliches Ornament ein Verbrechen ist, bemerkte zwar Adolf Loos bereits 1908, in der brandenburgischen Wüste zeigt man sich erst jetzt bereit dafür.

Dass die Lang’sche Geschichtsschreibung nun in Berlin ihren Anfang nimmt, erscheint dennoch zeitgemäß. Viele seiner ehemaligen Jünger sitzen nun nicht mehr in Hamburg oder München, ihre Redaktionsräume, Architekturbüros oder Designläden haben sie nach Berlin verlagert. Und die adoleszierende Mitte-Jugend von heute sehnt sich nach klassischem Modernismus.

Wo die Angst vor einem Mangel an stilsicherem Publikum in Hannover einen der Sponsoren dazu trieb, zur Ausstellung einen Reisebus hysterischer Modegecken aus Berlin anfahren zu lassen, traf man sich hier mit einer Abgeklärtheit, die dem Meister gefallen hätte. Statt die seltsam-archaischen Kunstwerke in der Hauptausstellung zu enträtseln, spiegelt man sich einfach in der Glasvitrine, im Scheine seiner Kleidung. Museum Store, Kleine Kurstr. 1, Berlin-Mitte, bis zum 12. Oktober.

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