Neues vom Planeten MODE : Sweet and tender Hooligan

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Lee Alexander McQueen, der sich am Donnerstag in London das Leben nahm, war unbestritten ein Genie der zeitgenössischen Mode. Seit dem Beginn seiner Karriere hatte der Designer eine verblüffende Metamorphose vollzogen. Kaum noch erkennbar waren seine Wurzeln. Dass er in einfachsten Verhältnissen im rauen Londoner East End aufgewachsen war, konnte man noch deutlich sehen, als er Anfang der Neunzigerjahre die britische Modeszene revolutionierte.

Da gab er mit Bierbauch, Zahnlücken und vulgärem Gehabe den englischen Working-Class-Hooligan. Aber dieser Habitus, den McQueen bis an die Grenze der Karikatur ausreizte, trug auch zu seinem außerordentlichen Erfolg bei. Er passte perfekt in das Bild, das London in jenen Jahren für eine Weile wieder zur spannendsten Metropole der Welt machte. Es war der spezifische Mix aus einer vermeintlichen Authentizität, die sich aus leicht angestaubten Arbeiterklassen- und Punk-Versatzstücken zusammensetzte, und unerwartet sensibler Kreativität, die den Londoner Stil in Kunst, Musik und Mode ausmachte.

Dass McQueen diese Mischung seit Kindertagen geradezu verkörperte, verrieten nicht nur sein Hang zur Mode, sondern auch die für sein Herkunftsmilieu untypischen Vorlieben für Synchronschwimmen und Vogelbeobachtung, mit denen er gern kokettierte. Da sich diese Paradoxien auch in seinen Entwürfen manifestierten, eignete er sich perfekt als Aushängeschild des neuen „Swinging London“ der frühen Neunziger.

Dass McQueen in der Glitzerwelt der internationalen Mode landete und nicht in der Musikszene, die für proletarische Exzesse offener ist, trug zusätzlich zu seinem Status als ebenso bestaunter wie gefürchteter Exot bei. Angesichts der Qualität seiner spektakulären Entwürfe hatte McQueen es irgendwann nicht mehr nötig, auf den Image-Faktor zu setzen, zumal der Hype um London bald abebbte. Bierbauch und Zahnlücken verschwanden. Dass der Junge aus dem East End im Grunde trotzdem ein Außenseiter in der Welt des schönen Scheins war, zeigte sich nur noch in seinen Kollektionen, die bis zuletzt fantastische Fremdkörper im Luxusbusiness Mode blieben.

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