Neues Museum : Von Troja nach Berlin

Dass in der Archäologischen Promenade, die jetzt im Neuen Museum erstmals in Teilen sichtbar wird, der Rundgang von Troja bis zur Renaissance, von Ägypten über Athen und Rom bis ins deutsche Mittelalter und dann irgendwann ins Reich der Weltkulturen möglich sein wird, zeigt, wie stark die Welt zusammenhängt.

Christina Tilmann

Der Sonnengott kommt aus dem Depot. Die monumentale spätantike Statue des Helios war fünfzig Jahre lang hinter Brettern versteckt. Anderes ist immer noch verloren: Der Goldschatz aus Troja lagert als Kriegsbeute in Moskau, an eine Rückgabe ist nicht zu denken. In Berlin muss man sich mit Kopien begnügen. Und kann dafür stolz erstmals die Silberschätze aus Troja zeigen. Und dazu jüngste Funde von der Berliner Mauer an der Bernauer Straße.

Nirgendwo sind Krieg und Kriegsfolgen, deutsche Teilung und deutsche Einheit so spürbar wie im Berliner Neuen Museum, das Bundeskanzlerin Angela Merkel morgen nach siebenjähriger Bauzeit eröffnen wird. Hier, wo noch jede geborstene Säule, jedes halb zerstörte Fresko und auch die neu aufgemauerten Kuppeln und Treppen von Zerstörung und Verlust künden, hier geht es im Kern darum, was für ein Verhältnis wir zu unserer Geschichte haben. Nostalgie, selbstbewusster Gegenwartszugriff oder Einsicht ins unrettbar Verlorene: All das steht hier im Raum. Sichtbar, greifbar.

Das beginnt mit dem Haus, mit Friedrich August Stülers Meisterwerk, um dessen Wiederherstellung erbittert gestritten wurde. Es setzt sich fort mit den archäologischen Schätzen des Ägyptischen Museums, der Antikensammlung und des Museums für Vor- und Frühgeschichte, die hier erstmals seit 70 Jahren wieder vereint präsentiert werden. Was jahrzehntelang auf Ost und West verteilt, im Depot verborgen oder schwer beschädigt war, ist nun, frisch restauriert, in neuem Glanz zu sehen.

Es sind internationale Architekten, die in Berlin den Umgang mit den Bauten der Vergangenheit prägen. Norman Foster und die Reichstagskuppel, Daniel Libeskinds Jüdisches Museum, Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal und jetzt der Brite David Chipperfield mit dem Neuen Museum. Immer sind es zentrale Bauten, aber auch Mahnmale, die geprägt sind von der Nazibarbarei und dem Ringen der Nachgeborenen um Haltung, um Heilung. Im Neuen Museum setzt Chipperfields sensible, die Wunden nicht leugnende Handschrift ein Zeichen der Anerkennung einer dunklen Vergangenheit. Auch auf der Museumsinsel, inmitten der grandiosen Kunstschätze, lastet der Schatten – und will nicht weichen.

Und doch geht es hier mindestens so sehr um Zukunft. Nicht erst der Blick über die Straße, hin zur Schlossbaustelle, zum Humboldt-Forum, lehrt, dass sich hier auch eine Wissenschaft neu definiert. Wenn im Neuen Museum nun der Neandertaler und der Homo sapiens nebeneinander präsentiert werden, wenn der Goldhut vom astronomischen Wissen der Bronzezeit und die Skulpturen der Amarna-Zeit, einschließlich Nofretete, vom ästhetischen Können Ägyptens künden, dann gelten die alten Unterteilungen von Hochkultur und niederen Kulturen, von Ländergrenzen und Institutionszugehörigkeiten nicht mehr.

Am Anfang und am Ende steht immer die Frage: Wer sind wir? Woher kommen wir? Und wohin gehen wir? Dass in der Archäologischen Promenade, die jetzt im Neuen Museum erstmals in Teilen sichtbar wird, der Rundgang von Troja bis zur Renaissance, von Ägypten über Athen und Rom bis ins deutsche Mittelalter und dann irgendwann ins Reich der Weltkulturen möglich sein wird, zeigt, wie stark die Welt zusammenhängt.

Und dann steht man vor einem Häufchen geschmolzener Perlen, Überreste der Putz-Abteilung des jüdischen Kaufhauses Herzog. Kultur entsteht, vergeht, wird vernichtet. Wir sind die Zeugen.

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