Zeitung Heute : Neukölln entdecken

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

Walter ist der coolste von meinen Freunden. Er ist Reporter und ein echter Globetrotter. Auf Haiti hat er neulich einen Zombie interviewt. In der Mongolei verlief er sich in der Steppe, und wurde von zwei Hirtenhunden angefallen.

Nur nach Neukölln traut sich Walter nicht. Dabei liegt sein Journalistenbüro, die „textetage“, am Paul-Lincke-Ufer, direkt an der Grenze zu Neukölln. Allein der Landwehrkanal trennt das zivilisierte Kreuzberg von der wilden Gegend. Walter murmelt etwas von Pit Bulls und jungen Männern mit Schlagringen, die jenseits des Flusses ihr Unwesen trieben. Müll und Verwahrlosung, wo man hinsieht, und das Neuköllner Essen sei reines Gift.

Das musste ich mir natürlich genauer ansehen. Und mein Mut wurde belohnt: In Neukölln gibt es Buden, an denen der Döner nur einen Euro kostet! Begeistert hat mich auch das „Heimatmuseum Neukölln“. Solche Einrichtungen kannte ich bisher nur aus Schweizer Bergdörfern. Und als es neulich so bitter kalt war, habe ich eine Sauna entdeckt, die so schön ist, dass sie unter Denkmalschutz steht.

Eine Gruppe dicker Männer unterhielt sich dort schwitzend über die Kochkünste in Neuköllner Kneipen. „Auf dem Tunfisch konntste noch die Rillen vom Dosendeckel sehen“, erzählte einer. „Denn wart keen Suschi“, sagte der andere. „Susanne is jetzt noch übel“, ergänzte ein Dritter. Walter könnte Recht haben, was die kulinarischen Genüsse in Neukölln betrifft.

Aber dreckig? Im Dampfbad musste ich mich aus hygienischen Gründen auf Plastikfolie setzen. Die reißt man frisch von einer großen Rolle ab, wie meine Mutter früher zum Einpacken von Sandwiches. Wenn man aufsteht, bleibt die Folie am Hintern kleben. Doch draußen in der Ruhezone, wo die Luftfeuchtigkeit geringer ist, lässt sie sich wieder entfernen. Sehr praktisch. Könnte aus meiner Schweizer Heimat stammen, dieses Patent.

„Früher warick Folterknecht“, stellte sich im großen Schwitzraum ein Bademeister vor. Kleiner Scherz, dachte ich noch. Doch wahrscheinlich sprach der Mann die Wahrheit: Er goss eine Kelle Wasser über dem Ofen aus. Es zischte viel versprechend. Und bereits nach wenigen Sekunden fühlte ich mich wie ein Spanferkel am Spieß, das zuvor in Aprikosenjoghurt gebadet hat. Früchte und Milch verwendet der Neuköllner offenbar nicht fürs Birchermüsli, sondern als Schwitzmittel. Eine ganz andere Kultur.

Leider habe ich dann meinen Spind-Schlüssel im Hallenbad verloren. In Neukölln! Da waren 200 Euro in der Tasche, und um meine eleganten Klamotten aus Basel machte ich mir auch Sorgen. Ich rannte in den gefließten Gängen umher, und suchte alles ab. „Wat verlor’n?“, fragte ein Neuköllner Ureinwohner hämisch. „Nein, ich mähe den Rasen“, wollte ich ihn spontan anschreien. Aber der Riese sagte, dass er gerade einen Spind-Schlüssel beim Bademeister abgegeben habe.

Dieser verkannte Stadtteil ist eine Hochburg der rechtschaffenen Bürger! Das muss ich unbedingt Walter erzählen.

Hallenbad Neukölln, Ganghoferstr. 3. Sauna So-Mi bis 22 Uhr, Do-Sa bis 23 Uhr, Montag ist Frauentag.

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