Neukölln : Zwischen Kiez und Klischee – die Underdogs von Neukölln

Heimathafen Neukölln, Neuköllner Oper: Anders zu sein – das ist in dem Bezirk eben auch Teil des lokalpatriotischen Stolzes.

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»Berlin Hermannplatz« ist die Antwort des Heimathafens Neukölln auf Alfred Döblins Großstadtroman »Berlin Alexanderplatz«....Foto: promo/Verena Eidel

„Berlin hat wieder Volkstheater!“, so steht es auf den Plakaten, das Ausrufezeichen mit Stolz gesetzt, und darauf sind Menschen abgebildet, die aussehen, als könnten sie einem jederzeit beim Einkaufsbummel auf der Schnäppchenmeile Karl-Marx-Straße oder an der nächsten Imbissbude begegnen. Stimmt auch, das könnten sie, denn der Heimathafen Neukölln ist derart publikumsnah, dass hier statt Schauspielern dem Haus verbundene Menschen aus dem Kiez die Plakate zieren. Wie Evy, die alte Dame im markanten Kleid, die zu den Fans der ersten Stunde zählt. Oder wie Franziska, eine der Laiendarstellerinnen aus der Produktion „Berlin Hermannplatz“, der Heimathafen-Antwort auf Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Alles Neuköllner Originale.

Das junge Künstlerinnenkollektiv, das vor ziemlich genau einem Jahr den denkmalgeschützten Saalbau an der Karl-Marx-Straße als feste Spielstätte übernahm und zum Heimathafen umgestaltete, meint es ernst mit seiner Liebe zum Kiez – gerade weil der bis heute nicht den besten Ruf genießt, mal abgesehen vom Kreativ-Biotop „Kreuzkölln“ ganz im Norden, an der Grenze zu Kreuzberg. Das Stigma als sozialer Brennpunkt wird der Bezirk jedenfalls nur schwer los, mit Kunst assoziiert man Neukölln noch immer weniger als mit Kriminalität. Was für die Künstler, die hier arbeiten, wiederum nur von Vorteil ist. Die ziehen daraus das Selbstbewusstsein der Underdogs, schöpfen Energie aus dem Spannungsfeld von überblendeter Vergangenheit und kriselnder Gegenwart.

So feiert der Heimathafen einerseits mit einer Revue-Reihe wie den „Rixdorfer Perlen“ Erfolge, mit schön-schrägen Gassenhauerrekursen auf das Rixdorfer Lokalkolorit der 20er und 30er Jahre mit seinen rotzfrechen Urberliner Liedern. Und andererseits auch mit Produktionen am Puls der Zeit, die auf differenzierte Weise das migrantische Milieu reflektieren, das Neukölln eben auch ausmacht. Der Umgang mit Vorurteilen, er ist für die Neuköllner Künstler tägliche Arbeit.

Gleich nebenan, ebenfalls an der Karl-Marx-Straße, hat das Unterlaufen von Kiezklischees bereits eine jahrzehntealte Tradition. Die Neuköllner Oper, 1976 etabliert, steht für das aufregendste junge Musiktheater der Stadt – und besitzt längst Strahlkraft weit über die Bezirks- und Stadtgrenzen hinaus. Das kleine Haus im proletarisch geprägten Neukölln ist als vierte musikalische Kraft Berlins eine unverzichtbare Institution. Hier werden Klassiker des Genres neu befragt, mit originellen Bearbeitungen von Bizet, Puccini, Verdi und anderen, hier werden populäre und politische Musicals aus der Taufe gehoben, und auch hier wird die Demografie der Nachbarschaft gespiegelt, etwa mit der Erfolgsproduktion „Türkisch für Liebhaber“. Die Macher verlieren ihren Kiez nie aus dem Blick, das Denken aber ist international. An der Neuköllner Oper fällt die „Lange Nacht“ zusammen mit dem „Open Op“, dem „Europäischen Festival für anderes Musiktheater“, das ein aufregendes Programm verspricht. Anders zu sein – das ist in Neukölln eben auch Teil des lokalpatriotischen Stolzes.

So wenig wie eine Oper, so wenig würde man in diesem Viertel, vorurteilsgemäß, ein jüdisches Theater erwarten. „Warum nicht Neukölln?“, fragt dessen Betreiber Dan Lahav nur zurück, wenn ihm Erstaunen begegnet. Er hat es geschafft, sein Jüdisches Theater Bimah, das israelische Gegenwartsdramatik ebenso zeigt wie Tucholsky-Abende, an der Jonasstraße zu etablieren und für alle zu öffnen. Zu ihm kommen zum Beispiel auch Organisationen muslimischer Frauen mit Kopftuch, um sich einen „Shabat-Shalom“-Abend anzusehen. Neukölln überrascht eben immer wieder.

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