Zeitung Heute : "Neuschreib" mit elektronischen Krücken

ANJA KÜHNE

Die Nation stöhnt: Sie muß zurück auf die Schulbank, denn übermorgen tritt die Rechtschreibreform in Kraft.- Welche technischen Krücken hält die Computer-Industrie bereit? Da sind zunächst die Rechtschreibprogramme in den Office- und Textverarbeitungspaketen.Die Hersteller gehen die Sache unterschiedlich an: Microsoft, das seine Benutzeroberfläche bereits umgestellt hat, liefert die Rechtschreibprüfung standardmäßig in der alten Schreibweise.Die Anwender der Office-Pakete 4 (Winword 6), 95 bis 97 können sich die neuen Regeln kostenlos aus dem Internet laden ( www.microsoft.com/germany/office unter "Produkterweiterung").In Officepaketen, die in letzter Zeit gepreßt wurden, liegen die Module für die neuen Regeln bereits in speziellen Verzeichnissen vor.Da man den Kartons in der Regel nicht ansieht, wie lange sie schon im Regal liegen, muß also der Händler Auskunft darüber geben, ob die neuen Regeln schon enthalten sind.Zwischen den neuen und den alten Regeln hin- und herzuschalten ist allerdings bei Microsoft noch nicht möglich, was sich in den zukünftigen Versionen ändern soll.

Die Firma StarDivision will in Kürze mit ihrem "StarOffice 5.0" auf den Markt kommen.Es soll die neuen Regeln neben den alten enthalten.Weil die Verhandlungen mit dem Lizenzgeber nach Angaben einer Firmensprecherin noch laufen, steht jedoch noch nicht fest, ob es für den Vorläufer ein preiswertes Updating geben wird.Die neue Version wird 498 Mark kosten.Lotus hat die Rechtschreibhilfe in seinem Officepaket "SmartSuite 98" sowohl mit der alten als auch mit der neuen Schreibung ausgerüstet.Die Anwender sollen in der Übergangsphase wählen können.Wer mit älteren Fassungen des Pakets zufrieden war und es nur um die neue Rechtschreibung updaten möchte, hat allerdings Pech: Die alten Versionen können nur mit dem gesamten Update-Paket, das 299 Mark kostet, umgerüstet werden.

Preiswerter sind Konverter, deren Hersteller versprechen, daß sie die Texte automatisch von der alten in die neue Rechtschreibung umsetzen.Manche Programme tun dies allerdings nur mit sehr mäßigem Erfolg.In einem Test der "Zeit" erreichten nur drei der sechs getesteten CD-ROMS passable Noten: Der "Duden"-Konverter (98 Mark) erzielte mit 91 Prozent das beste Ergebnis in Sachen Zuverlässigkeit, auch bezüglich der neuen Worttrennung.Moniert wurden die häufigen Rückfragen des Programms und die öde Benutzeroberfläche.Hier war der "Orthograf! 2.0" von Bertelsmann überlegen.Er erreichte zwar nur eine Trefferquote von 87 Prozent, ließ sich aber leichter bedienen und kam mit bedeutend weniger lästigen Rückfragen aus.Wie Schülern der "Orthograf!" nach gründlicher Prüfung gefallen hat, kann man im Internet auf der Leitseite zur Rechtschreibreform der Gesellschaft für deutsche Sprache in Mannheim nachlesen ( www.ids-mannheim.de/reform ).Hier findet sich unter "Literaturliste" auch ein Überblick über die Konverter.Auf Platz drei lag bei der "Zeit" der "PC-Konvert 2.02" vom AOL-Verlag, der es auf 82 Richtige brachte (79 Mark).Fragen zur Kommasetzung beantworten die Programme nicht.

Die Testsieger Bertelsmann und Duden haben auch ihre Wörterbücher auf CD-ROM gepreßt (39,90 Mark und 78 Mark).Das Blättern im Buch ist allerdings immer noch einfacher: Der Text muß erst abgespeichert werden, bevor die CD-ROM aufgerufen werden kann.Bei Duden muß sogar für jedes Nachschlagen die CD-ROM eingelegt werden, selbst wenn der Inhalt der Scheibe auf der Festplatte gespeichert ist.Damit will der Verlag Raukopierer fernhalten.

Ein elektronisches Lexikon alter und neuer Schreibweisen in Handtellergröße hat Hexaglot entwickelt.Der Taschencomputer enthält eine Datenbank mit 100 000 Stichwörtern und 210 000 Wortformen, die sich per Tastatur aufrufen lassen (149 Mark).

Sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gibt es eine Reihe von Programmen, mit denen sich die neuen Regeln lernen lassen.Diese Rechtschreibtrainer kosten zwischen 20 und 50 Mark.Einen Überblick gibt es wiederum auf der Seite der Gesellschaft für deutsche Sprache, wo man über einen Link auch zum Testergebnis über das Computer-Rechtschreibspiel von Ravensburg kommt.Von hier aus führt der Weg zur Seite von Beate und Klaus Stetten ( www.wuerzburg.de/spec/rechtschreibreform/ortho-98.html ), auf der sich Übungsdiktate und interaktive Rechtschreibtests befinden.

Überhaupt lohnt es sich, die Rechtschreibreform-Seite der Gesellschaft für deutsche Sprache anzusteuern.Sie enthält alles Wissenswerte zum Thema: Sämtliche neue Regeln sind übersichtlich dargestellt, die Stationen der Reform bis zum Urteil des Bundesverfassungsgericht dokumentiert, lange Literaturlisten und Bibliographien führen weiter, und anhand eines Pressespiegels kann man sich noch einmal die entscheidenden Pros und Contras der endlosen Debatte um die Reform vergegenwärtigen.

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