New York : Kultur und Kapital

New Yorks Kulturetat schrumpft, die großen Sponsoren sind pleite - doch die Kulturbeauftragte sagt: "Ich glaube, an den Kapitalismus."

Frau Levin, Sie sind in New York geboren und aufgewachsen…


…stimmt, ich gehöre damit zu einer Minderheit: Nur 25 Prozent der New Yorker sind auch hier geboren.

Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, wie außergewöhnlich New York in kultureller Hinsicht ist?

Ich war mir dessen nie nicht bewusst. Trotzdem überrascht mich die Fülle und Vitalität des kulturellen Lebens hier auch heute immer wieder. Als Kulturbeauftragte besuche ich manchmal drei, vier komplett unterschiedliche Veranstaltungen pro Abend. Das sind nur wenige von bis zu 80 Veranstaltungen, die in dieser Stadt täglich stattfinden – jede mit einem eigenen Publikum, jede mit Leuten, die sich voll und ganz dafür engagieren. Das Tolle an meinem Job ist, dass ich unendlich viel sehe, aber nie alles gesehen haben werde.

Sie sind seit 2002 Kulturbeauftragte New Yorks. In den vergangenen Jahren florierte mit der Wall Street das Kulturleben. Nun sind Sponsoren wie Lehman Brothers pleite. Der Kunstkritiker Jerry Saltz meint, dass in New York bis zu 40 Galerien schließen werden.


Geld kommt und geht in der Kultur – das war schon immer so. Kulturbetriebe müssen sich hier jedes Jahr neu erfinden und neu finanzieren. Sie verstehen es besser als viele andere Organisationen, die Ressourcen auszuschöpfen, die im Moment vorhanden sind. Deshalb glaube ich nicht, dass die Qualität der künstlerischen Arbeit, die in New York geleistet wird, infolge der Finanzkrise in irgendeiner Weise beeinträchtigt werden wird. Es wird nicht einfach sein in den nächsten Jahren, bis sich die Wirtschaft wieder erholt hat. Aber talentierte und ambitionierte Künstler werden weiterhin hierher kommen wollen.

Weiterhin – oder wieder? In den letzten Jahren konnten sich viele Künstler das Leben in New York doch gar nicht mehr leisten: Hier kostet ein Mini-Apartment schon 1300 Dollar.


Seit 20 Jahren hören wir die Klage, New York sei zu teuer geworden und vertreibe seine Künstler. Tatsache ist, dass der Anteil der in kreativen Berufen tätigen Bevölkerung in den letzten fünf Jahren sogar um 10 bis 14 Prozent gestiegen ist. Die Lebendigkeit und die Vielfältigkeit von New Yorks Kulturgemeinde ist einzigartig. Sie zieht die Menschen von überall her an. 40 Prozent aller New Yorker wurden außerhalb der Vereinigten Staaten geboren. Selbst Leute, die herkommen, um Biophysik zu studieren, entscheiden sich auch wegen des Jazz Clubs um die Ecke oder wegen des Theaters im Keller der Pizzeria für New York. Außerdem gibt es für Künstler in kaum einer anderen Stadt mehr Möglichkeiten, ihr Werk zu zeigen, als hier – ob sie nun ein Maler sind, der sich einen Markt schaffen will, oder ein Tänzer, der eine Bühne sucht.

Bühnen gibt es genug – was aber, wenn das Publikum ausbleibt, weil die Leute sparen? Am Broadway schließen im Januar 15 Shows vorzeitig, weil die Ticketverkäufe eingebrochen sind.


Die New Yorker mögen zwar nach Schnäppchen Ausschau halten, aber sie sind so kulturhungrig wie eh und je. Es ist nicht so wie nach dem 11. September, als die Leute für eine Weile aufhörten auszugehen. Damals besuchten sie kaum mehr Theater. Andererseits verzeichneten New Yorks Museen und die Botanischen Gärten damals sogar einen Besucheranstieg. Was nach dem 11. September massiv zurückging, war der Verkauf von Saisonabonnements. Als wollten die Leute keine langfristigen Pläne mehr machen. Das ist übrigens bis heute so geblieben.

Der New Yorker Kulturetat ist zwar grösser als in jeder anderen Stadt der USA – mit 152 Millionen Dollar beträgt er aber weniger als ein Drittel des Kulturetats von Berlin. Mit welchen Argumenten halten Sie Bürgermeister Michael Bloomberg jetzt vom rigorosen Kürzen abhalten?

Wie alle Abteilungen steht auch uns eine Budgetkürzung von 2,5 Prozent bevor. Aber das ist wirklich keine Katastrophe. Meine Argumente sind klar: Kultur ist entscheidend für die Lebensqualität aller New Yorker. Nicht nur, weil man in unseren Museen erstklassige Kunst und in unseren Theatern erstklassiges Theater zu sehen kriegt. New Yorker sind stolz auf die Kulturinstitutionen in ihrer Nachbarschaft. Oft fungieren diese Organisationen auch als Garanten für die öffentliche Sicherheit, da die Lichter die ganze Nacht über an sind und ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. Aber vor allem: Die Kultur ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren dieser Stadt. Der Tourismus ist unsere zweitgrößte Einnahmequelle, und unser kulturelles Angebot bildet das Rückgrat dieses Tourismus.

Kultur als New Yorks Kassenfüller?

Der Dichter Bob Holman hat einmal gesagt, selbst Leute, die noch nie in New York waren, kennen mindestens zwei Straßen: die Wall Street und den Broadway. Wie es der Wall Street zurzeit geht, wissen wir alle. Aber der Broadway steht noch immer für den kulturellen Reichtum New Yorks. Kultur und Künstler sind absolut unverzichtbar für die Identität unserer Stadt.

In den USA wird die Kultur zu 90 Prozent privat finanziert, nur zehn Prozent bezahlt der Staat. Wünschen Sie sich manchmal europäische und damit genau umgekehrte Verhältnisse?

Das Ziel sollte ganz einfach darin bestehen, einen fruchtbaren Boden für Kunst zu schaffen. Das ist sicher einfacher, wenn man sich nicht dauernd Geldsorgen machen muss. Aber ich möchte eines sagen: Ich habe angefangen, an den Kapitalismus zu glauben.

In einer Zeit, in der alle auf den Kapitalismus schimpfen?

Ich glaube, dass Ihre Arbeit letztlich besser wird, wenn Sie immer gezwungen sind, den Wert Ihrer Arbeit zu beweisen. Ganz bestimmt entstehen so professionellere Organisationen. Unsere großen Kulturinstitutionen sind sehr kreativ, was das Finden von Sponsoren angeht. Daneben haben wir genauso viele kleine blühende Organisationen, die in Europa vielleicht nie staatliche Unterstützung erhalten würden. Der Umstand, dass sie alle wettbewerbsfähig bleiben müssen, bringt sie näher an ihr Publikum.

Also nur noch Kulturveranstaltungen, die garantiert beim Publikum gut ankommen?

Nein, New York ist das beste Beispiel dafür, dass Kultur die einzige Branche ist, die buchstäblich für jeden etwas bereithält. Sie ist zugleich auch die einzige Branche, in der Sie unabhängig von Ihrer sozialen oder nationalen Herkunft Erfolg haben können. Unser Land hat zweifellos noch einen weiten Weg zu gehen, was die Gleichberechtigung von Rassen, Geschlechtern, von Arm und Reich angeht. Doch gerade in dieser Hinsicht spielt die New Yorker Kulturszene eine Vorreiterrolle. In New York finden alle zu allem einen Zugang, wenn sie wollen.

Ein Beispiel?

Nun, es gibt Leute, die nie ein Konzert im Lincoln Center besuchen würden, weil ihnen die Architektur und die Fassade aus römischem Travertin-Stein nicht gefällt. Andere besuchen gerade wegen der Architektur da ein Konzert. Sie wollen bei diesem Konzertbesuch ihren Alltag vergessen, und dafür ist nicht nur die Musik wichtig, sondern auch der Ort. Den Dritten ist das Baumaterial egal, sie möchten einfach die Musik hören. Für manche hat der Besuch eines Museums oder einer kulturellen Veranstaltung noch immer etwas von der Feierlichkeit des Kirchgangs. Dagegen betrachten mehr und mehr Leute Kultur als festen Bestandteil ihres täglichen Lebens.

Welche Rolle spielte die New Yorker Kultur in Ihrem Elternhaus?

Meine Eltern und meine Schwestern und Brüder nahmen mich schon früh mit zu allen möglichen Veranstaltungen und Ausstellungen. So besuchte ich als Kind Bastelkurse im Museum of Modern Art. Ich erinnere mich daran, wie wir im Skulpturengarten herumrannten und, wohl weil wir eben Kinder waren, die Dinge berühren durften. Was ich da sah und die Materialien, die ich fühlte, fand ich ungeheuer aufregend. Dann gingen wir wieder hinein in unser Klassenzimmer und werkelten weiter an unseren Puppen, die wir basteln sollten. Und ich hatte das vage Gefühl, dass zwischen meiner Puppe und den Skulpturen da draußen irgendein Zusammenhang besteht.

Dass vom einen ein Weg zum anderen führt?

Genau. Ein anderes Mal erlebte ich Leonard Bernstein als Dirigenten und war ungeheuer beeindruckt von diesem Mann. Es muss eines von Bernsteins Young People’s Concerts an der New Yorker Philharmonie gewesen sein. Da war also dieser Erwachsene, der vor seinen Musikern und dem Publikum herumhüpfte und heulte und ganz offensichtlich sein Herzblut gab, für das, was er tat. Seither habe ich immer gehofft, einmal eine Beschäftigung zu finden, der ich mich mit ähnlicher Hingabe würde widmen können.

Sie sind mit dem Bildhauer Mark di Suvero verheiratet. Waren Sie jemals versucht, selber Künstlerin zu werden?

Bevor ich meine jetzige Stelle antrat, war ich sechs Jahre lang Dozentin an einem New Yorker College und inszenierte Theaterstücke. Das ist die Kunstform, der ich am nächsten gekommen bin. Aber ich glaube, ein Künstler kann nur und ausschließlich Künstler sein, nichts anderes wird ihn glücklich machen. Ich habe mich dafür entschieden, die vielen Aspekte, die mich an Kunst und Kultur interessieren, zu einem Teil meines Berufes zu machen, und nicht die Kunst zu meinem Beruf.

Gibt es bestimmte Kunstwerke oder Künstler, die in Ihren Augen den Geist New Yorks verkörpern wie nichts und niemand sonst?

Maler wie Stuart Davis und Joseph Stella vielleicht. Aber auch einige der Denkmäler, die in der Stadt verstreut liegen. Ich wohnte eine Weile am Columbus Circle, gegenüber vom „Monument to the Maine“ am Eingang des Central Park. Niemand beachtet dieses Mahnmal für die Seeleute, die im Spanisch-Amerikanischen Krieg bei der Explosion eines Kriegsschiffs ums Leben kamen. Es ist zwar nichts, das ich mir ins Wohnzimmer stellen würde, aber ich finde, dass diese Skulptur den Stolz der Bürger New Yorks, die Energie und den Ehrgeiz dieser Stadt gut zum Ausdruck bringt.

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