Zeitung Heute : New Yorker Intellektuelle: Sprachlos in New York

Stefanie Grupp

New York - die Stadt der Denker. Wo sind sie jetzt bloß geblieben? Sie müssen einfach untergegangen sein im Meer amerikanischer Flaggen auf Reverskragen, Autos und Häusern. Nicht einmal die liberale "New York Times" bietet ihnen in diesen Tagen Platz auf ihren Seiten. Gibt es keinen Wunsch nach kritischen Stimmen in diesen ersten Tagen der Verarbeitung des Ungeheuerlichen?

Die Antwort versucht ein Denker. Er heißt David Strauss und ist Autor der Zeitungen "Village Voice" und "The New York Observer". "Wir haben keine Ressourcen für eine intellektuelle Antwort, weil der offene Diskurs in diesem Land seit Reagan immer trivialer wurde", sagt er und schaut durch seine schwarzrandige Brille in die Spiegelwand im Innern des Restaurants. Und die spärlichen Positionen, die von der amerikanischen Linken zu hören sind, hält David Strauss für mehr als problematisch. "Es ist zynisch zu sagen, die so genannten Corporates trügen die Schuld." Damit meint er die transnationalen Unternehmen, wie sie das World Trade Center beherbergte. "Das sind Firmen, die keine Heimat haben, die auf keine Grenzen festgelegt sind." Und er fügt hinzu: "Das wäre dann also ein postmoderner Krieg Heimatloser gegen Heimatlose". Gleiches gelte ja für die Verdächtigten, die Taliban: "Sie sind ein nationalistisches Volk - aber ohne Boden. Das ist die Gemeinsamkeit, die Opfer und Verdächtigte teilen." Aus solchen Sätzen hört man heraus, welche Prägung Strauss erfuhr. Hier spricht ein Absolvent der linksliberalen New York University - jener Universität, deren Campus seit einem Vierteljahrhundert im Schatten der Twin Towers lag.

Seltsame Zurückhaltung

Wer nach Analysen und tieferen Gedanken zu den Ereignissen dieser Tage sucht, wird die "New York Times" nicht wiedererkennen. Stattdessen stößt man hier auf eine seltsame Zurückhaltung. Anstelle von Kommentaren prangen seitengroße Werbeanzeigen im Politikteil der Zeitung. Texter haben die Rolle der Denker übernommen. Der New Yorker Mobilfunkanbieter "verizon" zum Beispiel hat in der Freitagsausgabe der "New York Times" die Rolle der Politik eingenommen. Den Lesern wird hier "Freedom of Speech" garantiert: "Wir werden alles in unser Kraft Stehende dafür tun, damit unsere Kunden verbunden bleiben in dieser schweren Zeit", heißt es in der Anzeige.

Wenn gedruckte Worte versagen, bleibt die Musik. "We believe in non-violent change", "Wir glauben an gewaltlose Verännderung", heißt es in einem Song einer zu seltsamem Ruhm gekommenen Band. Ihr Name ist "The Coup". In einer Woche sollte das Cover fürs neue Album in Druck gehen. Dazu wird es nicht kommen, denn der einige Monate alte Coverentwurf zeigt das World Trade Center und zwei Mitglieder der Band, die dabei sind, eine Bombe zu zünden. Die Musiker haben versucht, Gewalt zu vertonen, um Gewalt zu verhindern. Sie haben die Sinnträchtigkeit der Twin Towers erkannt und eine Warnung formuliert. Jetzt stehen ihnen langwierige Untersuchungen bevor, da die Polizei einen Zusammenhang zwischen Kunst und Wirklichkeit sucht. Zwischen Pop und Terror.

Auch der Wissenschaftler Noam Chomsky schlägt sich neuerdings mit der Polizei herum: Einmal mehr, schreibt er in einem Text für das Onelinemagazin www.zmag.org , seien es die Arbeiter gewesen, die herhalten mussten für den Ernstfall: "Es waren hauptsächlich Feuerwehrleute und Polizisten, die dem Angriff zum Opfer gefallen sind", heißt es da. Aber was ist mit den unzähligen Angestellten der Finanzfirmen, die dem Angriff zum Opfer fielen? Sollen sie etwa auch "blue collars", einfache Arbeiter gewesen sein? "Unser Vorzeigeintellektuelle vereinfacht die Situation zu einer Klassenfrage", kritisiert David Strauss.

Den amerikanischen Denkern fehlen offensichtlich die richtigen Worte - wie auch ein Blick in die Künstlerenklave Williamsburg im New Yorker Stadtteil Brooklyn zeigt. Da sitzen Menschen auf den Straßen, lesen, ziehen langsam durch die Läden der lokalen Modemacher und trinken tagsüber so viel Kaffee, dass sie nachts gezwungenermaßen noch durch die Bars und Clubs des Viertels ziehen. Hier ist der Zynismus zu Hause. "Looks like Empire State is back in the house", "Sieht so aus, als sei das Empire State Building wieder im Rennen", war der unmittelbare Kommentar eines Anwohners, nachdem das WTC eingestürzt war.

Hilfloses Gerede

Sarah Lemanczyk ist entsetzt darüber, will nicht glauben, was sie hier in den vergangenen Tage gehört hat. "Amerikaner haben weder die Geschichte noch eine Sprache dafür, um mit dem Geschehenen umzugehen", sagt die junge Frau, deren Haare sich wie ein Helm um ihr Gesicht schmiegen. Sie ist Journalistin und hat ein Notebook auf dem Tisch im Café liegen, mit dem sie einen Beitrag für den Radiosender WNYC vorbereitet. "Wir kannten keine Grenzen - und Militär sahen wir höchstens einmal jährlich zum Unabhängigkeitstag. Das erklärt vieles."

Und doch lassen sich auch hier in Williamsburg Beispiele der ganz anderen Art finden, Beispiele einer konkreten praktischen Hilfe. "Die Gegenkultur hier ist patriotisch in dem Sinne, dass sie tut, was nötig ist", sagt Sarah Lemanczyk. "Ich habe viele Hipster Kids gesehen, die ihren tätowierten Arm freimachten, um Blut zu spenden." Blut, das sie allerdings nur dann spenden konnten, wenn sie ihre Tatoos verleugneten: in den Fragebögen des Roten Kreuzes.

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