Zeitung Heute : Nicht alles doppelt lernen

Regina Köthe

"Am Anfang hat es mich nicht gestört, keinen Berufsabschluss zu haben. Aber seit ein paar Jahren beunruhigt es mich", sagt Sabine Meier, Mitarbeiterin eines Pflegeheims. Die Sorge der Pflegerin ist berechtigt. Beschäftigte ohne Berufsabschluss tragen auf dem Arbeitsmarkt die größten Risiken. Wenn Stellen abgebaut werden, sind sie meist die ersten, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Dabei verfügen "angelernte" Mitarbeiter oft über jahrelange Erfahrung und Praxiskenntnis - besonders in der Altenpflege. Der Anteil un- und angelernter Mitarbeiter ist relativ hoch. Doch inzwischen ist vor allem der Bedarf an examiniertem Pflegepersonal enorm gestiegen. Die Gesetzgebung des Sozialgesetzbuches verlangt von Alten- und Pflegeheimen bei der Pflegestufe III, dass die Pflege und medizinische Versorgung zu 50 Prozent von examinierten Altenpflegern geleistet wird.

Eine Lösung offeriert das "flexible" Weiterbildungsmodell VmQ (Verfahren modularer Qualifizierung unter Berücksichtigung beruflicher Vorerfahrungen). Es wurde von den Weiterbildungsprofis vom BBJ entwickelt, um den Qualifizierungswunsch von Pflegekräften einerseits und die Anforderungen der Arbeitgeber andererseits unter einen Hut zu bringen. Als zusätzliches Argument nennt Ulrike Nesemann-Krantz, Koordinatorin des Modellversuchs beim BBJ: "Die Heime wollen ihr bewährtes Personal nicht entlassen, sondern möglichst schnell qualifizieren. Bei der Pflege von alten und gebrechlichen Menschen ist man auf Kontinuität angewiesen".

Hinter VmQ verbirgt sich eine Weiterbildung, bei der Berufstätige nicht mehr eine ganze Lehre nachholen müssen, sondern durch einen Test ermittelt wird, was der Teilnehmer bereits beherrscht und wo noch Qualifikationslücken sind. Das fehlende Fachwissen können sich die Teilnehmer gezielt in einzelnen Modulen aneignen. Am Ende des Kurses absolvieren sie die Prüfung bei der zuständigen Altenpflegeschule.

Der erste Kurs für Altenpfleger dauerte von September 2000 bis Mai 2001. "Die Fortbildung", erläutert Ulrike Nesemann-Krantz, "fand auf zwei Ebenen statt. Zum einen wurde das theoretische Wissen etwas über Erste Hilfe, Verwaltungsrecht, Medikamente in einem berufsbegleitenden Kurs vermittelt. Gleichzeitig verpflichtete sich das Alten- oder Pflegeheim, ihre Mitarbeiter praktisch zu qualifizieren." Nicht nur nach Schulbuch lernen, war die Devise der Maßnahme mit insgesamt 480 Stunden Fachtheorie sowie 720 Stunden "learning by doing" im Betrieb, veranstaltet vom Institut für angewandte Gerontologie (IFAG). Elf der 22 Teilnehmer bestanden die Prüfung.

"Bei den Arzthelferinnen und Zahnarzthelferinnen lag die Erfolgsquote bei fast 100 Prozent", freut sich Joachim Dellbrück, Projektleiter von VmQ. Die Teilnehmerinnen wollten den Berufsabschluss nachholen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Niedergelassene Ärzte, die händeringend Weiterbildungsmöglichkeiten für ihr Stammpersonal suchten, unterstützten das Projekt ebenso wie die Zahnärztekammer. Sie vermittelte Dozenten an das Projekt.Das hatte den Vorteil, dass diese Lehrer sowohl die Praxis kannten als auch die Anforderungen, die bei der allgemeinen Prüfung durch die Zahnärztekammer gestellt werden. Für die Teilnehmerinnen wurde der Kurs zum Sprungbrett in eine neue Anstellung oder der nachgeholte Berufsabschluss sicherte ihren bestehenden Arbeitsplatz.

Der Idee der modularen Weiterbildung liegt die rhetorische Frage zu Grunde: Wer will schon bei Adam und Eva beginnen, wenn er über mehrjährige Berufserfahrung und in der Praxis erworbenes Wissen verfügt. Das Modell wurde deshalb auch in den Bereichen "Neue Medien" und "IuK-Technologien" erprobt und soll demnächst auch Arbeitslosen eine Zukunftsperspektive geben.

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