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Zeitung Heute : „Nicht alles Neue ist Innovation“

19.04.2012 00:00 Uhr
Foto: Jürgen MittelstraßBild vergrößern
Foto: Jürgen Mittelstraß

Der Philosoph Jürgen Mittelstraß über die Rolle von Wissenschaft und Technik.

Was begünstigt Innovation?

Zunächst einmal anspruchsvolle Wissenschaft und leistungsfähige wissenschaftliche Einrichtungen. Beides besitzen wir, von den Universitäten bis zur Fraunhofer-Gesellschaft, die in Sachen Innovation das Erfolgsmodell ist. Sie kooperiert vorbildlich mit entwicklungsstarken Unternehmen.

Wie innovativ ist Deutschland?

Deutschland ist in vielen Bereichen Marktführer, seine Produkte sind begehrt. Da muss man keine Sorgen haben.

Es heißt, dass die Deutschen der Technik kritischer gegenüberstehen als andere.

Wir leben in einer technischen Kultur, da kommt es auf das richtige Augenmaß an.

Sonst gehört nicht uns der Fortschritt, sondern wir gehören ihm. Gefragt ist keine Technikskepsis als Grundhaltung, aber eine kritische Haltung auch technischen Entwicklungen gegenüber. Das ist eine Stärke moderner Gesellschaften, keine Schwäche.

Beispiel grüne Gentechnik: In Deutschland ist sie an den Rand gedrängt worden.

Hier ist Skepsis gegenüber der deutschen Skepsis geboten. Man vergisst, dass es in der Landwirtschaft schon immer um Züchtung ging und die grüne Gentechnik nichts anderes als die Fortsetzung dieser Praxis mit anderen Mitteln ist. Die Kultivierung von Ängsten, wohl eine deutsche Eigentümlichkeit, ist hier fehl am Platz.

Deutschland ist als einzige große Industrienation nach Fukushima aus der Atomkraft ausgestiegen.

Das dürfte eine unüberlegte Panikhandlung gewesen sein, deren Konsequenzen wir noch spüren werden. Andererseits: Wirtschaft und Industrie werden die entsprechenden Herausforderungen meistern, da bin ich sicher. Das wird allerdings nicht einfach werden. Wer nicht vorher über Probleme und Konsequenzen nachdenkt, muss das auf schmerzliche Weise später tun.

Besteht nicht die Gefahr, dass man träge wird, sich auf seinen Erfolgen ausruht?

Wo ständig nach Innovation gerufen wird, weiß keiner mehr, was Innovation ist und unter welchen in der Regel schwierigen und anspruchsvollen Bedingungen man sie bekommt. Innovation, die diesen Namen verdient, ist die technische Umsetzung wissenschaftlicher Durchbrüche unter gesellschaftlichen Zwecken. Nicht alles Neue ist Innovation. Der uninformierte Ruf nach Innovation ist wie der ständige Ruf nach Wachstum ärgerlich.

Die Bundesregierung setzt in ihrer „Hightech-Strategie 2020“ auf eine „missionsorientierte“ Innovationspolitik, also auf strategisch vorgegebene Aufgaben: Klima/Energie, Gesundheit/Ernährung, Sicherheit, Kommunikation und Mobilität.

Um Himmels willen – was Schrecklicheres kann uns gar nicht passieren! Das ist die alte Naivität, der Glaube, dass man in Wissenschaft und Technik etwas erzwingen kann. Echte Innovationen hängen von wirklichen Durchbrüchen in der Grundlagenforschung ab. Wenn man dieser Zügel anlegt, tötet man Innovation.

Innovation braucht Grundlagenforschung?

Aber ja, große Durchbrüche sind nicht einfach Weiterentwicklungen dessen, was man schon weiß oder kann.

Gibt es ein gesundes Verhältnis zwischen Grundlagenforschung und mehr anwendungsorientierter Wissenschaft?

Grenzen verschwimmen: zwischen reiner Grundlagenforschung, Grundlagenforschung, die in der Anwendung erfinderisch ist, und produktorientierter Anwendungsforschung. Das Problem: Es gibt zu viele Systemselbständigkeiten, die Einrichtungen neigen dazu, sich gegeneinander zu isolieren. Das System sollte durchlässiger werden und die Forschung sich stärker an Universitäten konzentrieren.

Der Bund finanziert zwar Forschung, ist aber nicht für die Hochschulen zuständig.

Mit der letzten Föderalismusreform ist es dem Bund nicht mehr erlaubt, in das Universitätssystem hineinzufinanzieren. Hoffentlich wird dieser blödsinnige Beschluss bald rückgängig gemacht.

Die Fragen stellte Hartmut Wewetzer.





Jürgen Mittelstraß
ist Direktor des

Konstanzer Wissenschaftsforums
und

Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates

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