Zeitung Heute : Nicht die feine englische Art

Britische Journalisten machen vor keiner Sphäre Halt

Matthias Thibaut[London]

Nirgends in der Welt verdienen Zeitungen mit Intimgeschichten so fröhlich Geld wie in Großbritannien. Nicht der Irak oder Afghanistan waren die Auflagenmotoren der vergangenen Monate. Die Gemüter bewegte Cherie Blairs Lifestyle-Guru, Ex-Premier John Majors Liebesaffäre und warum ein aus der Balance geratener Londoner Bürgermeister einen Partygast die Treppe hinunterschubste.

Nirgends hält sich die Presse weniger zurück. Nirgends tut das Gesetz so wenig, um die Privatsphäre der Betroffenen zu schützen. Intimgeschichten haben Tradition. In der Hofberichterstattung war es mit Respekt längst vorbei, als Prinz Charles’ Seitensprünge ruchbar wurden. Die Konservativen gingen nach 18 Regierungsjahren an der Fülle von Intimgeschichten zugrunde. Und auch Labour könnte dieses Schicksal ereilen: Die Reihe der Skandalberichte, die mit dem alkoholberauschten Blair-Sohn Euan zaghaft begann, wächst. Und immer werden die Veröffentlichungen mit den Erfordernissen kritischer Berichterstattung gerechtfertigt.

Wo politischer Diskurs und Privatsphäre immer öfter verquickt werden, geht das „right to know“ der Öffentlichkeit über alles. Cherie Blairs TV-Auftritt zeigte, wie exhibitionistische Beichtkultur den politischen Diskurs ergriffen hat. Aber wenn sich Politiker mit emotionaler Offenheit Profil verleihen wollen, folgt daraus auch das Recht, nachzufragen. Als Edwina Currie, ehemals Gesundheitsministerin, ihre Erinnerungen an die Affäre mit Major teuer verkaufte, konnte sie das schlüpfrige Exposé rechtfertigen: Der Charakter eines Premiers, der immerhin die Rückbesinnung auf Moral und Ordnung forderte, sei „ein hoch bedeutendes Stück Geschichte“.

Mit Klauen und Zähnen

Geschädigten bleibt nur der Weg zum Gericht oder die Selbstregulierung der Presse. Beides hilft nicht unbedingt. John Major war 1993 mit einer Verleumdungsklage gegen den „New Statesman“ erfolgreich, der ihm eine Affäre mit der Downing-Street-Köchin vorwarf. Dagegen sitzt Ex-Tory-Schatzmeister und Autor Jeffrey Archer im Gefängnis. Er hatte 1987 ein Schmerzensgeld von 500000 Pfund erstritten – allerdings mit einem Meineid. Auch die Selbstregulierung hat nach Ansicht vieler Beobachter versagt. Im Sommer 1992 veröffentlichte die „Press Complaints Commission“ eine Beschwerde des Buckingham Palasts über die „verabscheuungswürdige Charles-und-Diana-Berichterstattung, die zeige, wie Journalisten „mit den Fingern in den Seelen anderer Menschen stochern“. Wenig später konnte man am Telefon der „Sun“ das Liebesgeflüster Dianas abhören.

Britische Journalisten verteidigen ihre Freiheit mit Klauen und Zähnen. Doch im Februar beginnt im Unterhaus eine Anhörung zur Wirksamkeit der Selbstregulierung. Juristen und Medienexperten befürchten, dass eine Schieflage entstanden ist. Reiche machten sich das Menschenrechtsgesetz zu Nutze und würden so die journalistische Freiheit untergraben. Besser, fordert das linke „Institute for Public Policy Research“, wäre ein gesetzlicher Schutz der Öffentlichkeit vor „Presseschnüffelei“. Auf einem anderen Blatt steht, ob auch Politiker davon profitieren sollen.

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