Zeitung Heute : Nicht ganz und nicht gar nicht

JAN SCHULZ-OJALA

Der "European Film Award" in BerlinVON JAN SCHULZ-OJALASie sind Außenseiter.Sie sind ausgemustert.Sie sind arbeitslos und pleite, sie haben nichts mehr zu verlieren außer dem letzten Hemd, und dann sind sie "full monty": nackt.Schlußaus, finito: Nackten Männern kann man nicht in die Tasche fassen.Aber das Ende ist auch ein Anfang: Die sechs nicht eben hübschen Ex-Stahlarbeiter aus Sheffield, die ihre eigene "Chippendales"-Stripshow planen, ziehen sich damit auch aus dem Sumpf.Es geht vielleicht nicht aufwärts, aber es geht weiter, und zu lachen gibt es endlich auch wieder was.Selbstironischer Fundamentaloptimismus in Zeiten äußerster Misere - wer dies Jahr einen kommerziell erfolgreichen Film zu solch einem Sonntags-Leitartikelthema vorlegen konnte, mußte am Sonnabend bei den "European Film Awards" in Berlin zwangsläufig als Sieger vom Platz gehen.Die Mutmacher-Botschaft von Peter Cattaneos Erstlingsfilm "The Full Monty" ist so recht nach dem Geschmack der Europäischen Filmakademie (EFA), die seit mittlerweile zehn Jahren diesen Preis vergibt.Sie läßt sich erstens drastisch als Zustandsmetapher des europäischen Films nutzen.Andererseits mögen sich auch die 280 stimmberechtigten EFA-Mitglieder darin wiedergefunden haben, blicken sie nur auf das wechselhafte Schicksal ihres einst "Felix" genannten Preises: "Ganz oder gar nicht", so der deutsche Titel des Siegerfilms, wollte man es diesmal machen, und weil die Variante "gar nicht" denn doch ausschied, blieb nichts anderes, als aufs Ganze zu gehen.Aber gibt es dieses Ganze überhaupt in Europa? Ist der "europäische Film", der scheue Jubilar dieses Abends, nicht eher ein Phantasieprodukt, montiert aus mancherlei inkompatiblen Teilen, und die europäische Filmindustrie, liegt sie nicht - unter mehr oder minder freundlicher Umarmung der US-Majors - längst in Trümmern? Welche Filme überhaupt nominieren, wenn man, wie es diesmal programmatisch geschah, auf länderübergreifende Popularität setzt? Die großen Welt-Europäer sind tot (Fellini, Kieslowski), schweigen seit längerem oder kürzerem (Bergman, Kaurismäki) oder sind, wie Milos Forman, dem die EFA einen Sonderpreis in die Post steckte, schon lange in Amerika.Andere Talente sind entweder zu neu (etwa Yolande Zauberman und Laetitia Masson) oder stehen unter Kassengiftverdacht (Michael Haneke).Die nationalen Millionenerfolge wiederum (etwa "Rossini" in Deutschland, "Les Randonneurs" in Frankreich, "Amore Amore" in Italien) entlocken den europäischen Nachbarn meist nur Achselzucken.Platz also für einen jener seltenen Überraschungsfilme, die vor allem via Mundpropaganda plötzlich Weltumsätze von über 100 Millionen Dollar machen.Die Sechs-Millionen-Dollar-Produktion "Ganz oder gar nicht" ist, die Zahlen aus England, Frankreich, Deutschland und den USA zeigen es, schon jetzt der finanziell ergiebigste britische Film aller Zeiten.Produziert wurde und verliehen wird er freilich von der Twentieth Century Fox, einem amerikanischen Riesen - und dem gewaltigen amerikanischen Kino-Löwen haben die tapferen kleinen Europäerlein diesmal so tief ins Maul geschaut, daß sie fast darin verschwunden wären.Um den Preis endgültig aus dem Autorenfilmer-Ghetto herauszuholen, wurden mit Anthony Minghellas "Der englische Patient" und Luc Bessons "Das fünfte Element" zwei Blockbuster nominiert, die, in erster Linie für den amerikanischen Markt gedacht, ihren Welterfolg schon hinter sich haben.Europäisch an ihnen ist wohl allenfalls die vom Europarat ratifizierte "Europäische Konvention über Koproduktionen", die dem komplizierten Punktesystem für die Filmnominierungen zugrunde lag.Kernidee: Nicht die Finanzierung der jeweiligen Werke entscheidet, sondern der kreative Pool, also Regisseur, Schauspieler, Drehbuch, Kamera und so fort.So konnte der "Englische Patient" als US-Film neun Oscars abräumen und beim Europäischen Filmpreis noch mit einem Darsteller- (Juliette Binoche) und Kamerapreis (John Seale) dabeisein.Wohl das Äußerste an Verbeugung, denn dem Oscar-Sieger noch die Euro-Statuette hinterherzuwerfen, wäre der totale Offenbarungseid gewesen.Auch Luc Bessons Science-Fiction-Spektaktel wird wegen seiner Story, seiner visuellen Wucht und seines Hauptdarstellers Bruce Willis so sehr als US-Produkt wahrgenommen, daß die formale proeuropäische Punktesammelei reichlich kurios erscheint.Wie weit diese Öffnung - manche sagen: diese Auslieferung - des westeuropäischen Kinos an die US-Produktions- und Konsumtionsmuster zumindest aus dem Blickwinkel der EFA schon vorangeschritten ist, beweist schmerzlich der Umkehrschluß.Sieht man einmal von Bertrand Taverniers formal ebenso lautem wie dramaturgisch altmodischem Weltkriegs-Epos "Capitaine Conan" ab, fanden sich unter dem nominierten Filmen nur noch zwei Osteuropäer, die auch in den Nebensektionen des Preises völlig chancenlos blieben.Ademir Kenovics zart-poetischer, künstlerischer Bewältigungsversuch des neuesten europäischen Krieges, die bosnisch-französische Koproduktion "Savrseni Krug" war ebensowenig der Rede wert wie Pavel Chukrais Venedig-Wettbewerbsbeitrag "Vor", der in Rußland bislang nicht einmal eine Kinochance hat.Bei solcher Holzschnittschärfe der Unterschiede sind Untergangsszenarien nicht fern: Könnte es sein, daß, anders als der Globus es Tag für Tag vormacht, nicht das Licht, sondern eine Dunkelheit von Osten her vorrückt und erst die osteuropäischen Länder, dann die sich ganz auf ihr jeweils patriotisches Amüsement konzentrierenden Deutschland und Italien und zuletzt die kinematographisch noch relativ vitalen Nachbarn Frankreich und England verschlingt, um allen Glanz auf die neue Welt zu vereinigen?Die Verleihungszeremonie selbst suchte zumindest im Ansatz, etwas von jenem Strahleglanz auf sich umzulenken.In die durchaus stimmungsvolle Lokalität des "Space Dream"-Musicals in Tempelhof hatte man mit rund 850 Gästen exakt das Viereinhalbfache des Vorjahres geladen, und auch sonst sollte die Soirée eine Art Quantensprung gegenüber den immer beiläufigeren "Felix"-Feiern der letzten Jahre sein.Mit Trailershows überwiegend amerikanischer Filme (den anderen fehlten oft sogar die englischen Untertitel), die die ziemlich vollzählig versammelten deutschen Statthalter der US-Majors und Sponsoren erfreuen sollten, trieb man die europäisch-amerikanische Umarmung weiter voran - um sich dann in Sachen Showbusiness bis an die Schmerzgrenze zu blamieren.Nicht nur, daß mit gleich zwei Ausschnitten aus dem Gastgeber-Musical, das viele Berliner unter den Gästen bisher mühelos und weiträumig umlebt hatten, zuviel des Schlechten getan wurde; der Rest bestand aus quälend langen Umbaupausen, peinlichen Improvisationen und noch peinlicherem Festhalten am Fahrplan, wenn denn mal - wie bei den stehenden Ovationen für Jeanne Moreau - Leben in die Bude kam.Die stets unbewegt den Teleprompter ablesende britisch TV-"Präsentatorin" Tania Bryer, sehr kühl, sehr unbekannt, war als Moderatorin dritte Wahl, nachdem Daniel Auteuil kurzfristigst abgesagt hatte und Katja Riemann, so alleingelassen, nun auch nicht mehr wollte.Tröstlich da allenfalls das Warming Up des EFA-Präsidenten Nik Powell: witzig wie immer, leicht verschnupft zwar, aber in farbklecksbuntem Sakko - anschließend hatten die äußerst disziplinierten Gäste günstigstenfalls das Gefühl, der ersten Hauptprobe einer seltsamen Feierstunde beizuwohnen.Nicht ganz und nicht gar nicht: das schlechteste Zwischenergebnis für diese wichtigste Festivität des europäischen Films.Die groß angelegte Zeremonie ist wegen offenkundiger Planungsmängel mißglückt - und ihr schwieriges Popularisierungskonzept auf amerikanischer Grundlage führt womöglich ziemlich schnell in die Sackgasse.Ist es die europäische Ästhetik, die den US-Markt erobert, oder bedienen sich die Amerikaner nur gewisser europäischer Ressourcen, um ihr kinematographisches Imperium endgültig abzuschmecken? Vergangenes Jahr brachte Lars von Triers "Breaking The Waves" wahrhaft weltweit strahlenden europäischen Glanz, künstlerisch wie kommerziell.Wie gut, daß es diesmal unter lauter Zählkandidaten wenigstens einen gab, in den man sich retten konnte.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar