Zeitung Heute : Nicht immer bleifrei

In etwa zehn Prozent aller Berliner Haushalten sind die Wasserleitungen noch aus Blei. Dabei ist das Berliner Wasser ohne diesen Giftstoff so gut wie Mineralwasser. Die Stiftung Warentest und die Wasserwerke bemühen sich um Aufklärung

Harald Olkus

Blei im Trinkwasser ist vor allem in den Städten Nord- und Ostdeutschlands immer noch ein ungelöstes Problem. Das zeigt eine Umweltkarte der Stiftung Warentest. Demnach herrscht in Hamburg und Kiel, in Magdeburg und Leipzig, aber auch in Berlin und Potsdam immer noch ein erhöhtes Risiko, in einem Haus zu wohnen, dessen Wasserleitungen aus gesundheitsschädlichen Bleirohren bestehen. Mehr als fünf Prozent der von Stiftung Warentest analysierten Proben aus diesen Städten und Regionen wiesen einen Bleianteil auf, der über dem geltenden Grenzwert liegt. Bei Ungeborenen, Kleinkindern und Säuglingen, die über eine längere Zeit erhöhten Bleiwerten ausgesetzt sind, besteht die Gefahr einer gestörten Blutbildung und Intelligenzentwicklung.

Allerdings schränken die Verbraucherschützer die Übertragbarkeit ihrer Analyseergebnisse selbst ein. Das Analyse-Ergebnis der Stiftung Warentest sei statistisch nicht repräsentativ. Denn vermutlich würden ohnehin nur besorgte Hausbewohner anfragen. Diese hätten in der Regel selbst schon Verdacht geschöpft. Und erst dann würden sie eine Probe einsenden, so Warentest-Redakteur Michael Koswig zurückhaltend. Doch immerhin beruhen die Ergebnisse der Warentester auf insgesamt 23700 eingesendeten Wasserproben aus den vergangenen zehn Jahren. Die Vielzahl der Proben erlaubt daher zumindest allgemeine Aussagen zur Qualität des Leitungsnetzes in Deutschland.

Dass dabei noch einiges im Argen liegt, ist auch den Berliner Wasserwerken bekannt. Zu dem Problem Bleileitungen heißt es dort: Etwa 28000 der insgesamt 257000 Hausanschlüsse in Berlin könnten noch aus einer Zeit stammen, als das giftige Schwermetall für die Herstellung eingesetzt wurde, so Pressesprecher Stephan Natz. Demnach wären immerhin mehr als zehn Prozent aller Haushalte betroffen. Und dabei ist Blei ein überwiegend im Westteil der Stadt anzutreffendes Problem. Am ehesten betroffen seien die gut erhaltenen Altbauten in den Bezirken Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg, Neukölln und Zehlendorf. Bei der Herstellung von Wasserleitungen werde Blei zwar schon seit dem Jahr1940 in Berlin nicht mehr eingesetzt. Doch wenn ein Haus nach dem Zweiten Weltkrieg nicht generalsaniert wurde, sei die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass die alten Leitungen noch nicht ersetzt wurden. „Und die müssen dringend ausgetauscht werden“, sagt Natz.

Die Grenzwerte für Blei im Trinkwasser wurden europaweit zum 1.Dezember 2003 auf 25 Mikrogramm pro Liter festgelegt. Bis zum 1.Dezember 2013 soll der Wert noch einmal auf 10 Mikrogramm pro Liter abgesenkt werden. „Um den strengeren Grenzwert von 2013 einzuhalten, müssen wir ab jetzt etwa 3000 Hausanschlüsse pro Jahr auswechseln“, sagt Natz.

Zusammen mit den Gesundheitsämtern haben die Berliner Wasserbetriebe deshalb eine Offensive zum Austausch alter Rohre gestartet. Straßenweise oder nach Postleitzahlen gebündelt, werden Berater der Wasserwerke die Hausbesitzer aufsuchen und ihnen konkrete Angebote machen, wie sie die Bleirohre im Keller möglichst günstig durch unbedenkliche Stahlrohre ersetzen können.

Da die Wasserbetriebe für den Austausch der Leitungen zwar technisch zuständig sind, aber finanziell nur bis zur Grundstücksgrenze herangezogen werden können, müssen sich die Hausbesitzer finanziell auch selbst beteiligen. Allerdings ist unter den Hauseigentümern offenbar der Handlungsbedarf nicht richtig erkannt worden: Seit der Wiedervereinigung haben immer weniger unter ihnen das Angebot der Wasserwerke angenommen, die giftigen Leitungen unter Einsatz einer moderaten Bleipauschale in Höhe von 511 Euro (zuvor 1000 Mark) austauschen zu lassen. Und auch die Hausbewohner scheinen sich in den vergangenen Jahren immer weniger für das früher heiß diskutierte Thema zu interessieren.

Allerdings ist es mit einem Austausch der Hausanschlüsse allein noch nicht getan. Wer sicher gehen will, dass bleifreies Trinkwasser in Küche und Bad ankommt, muss oft auch die Steigleitungen im Haus überprüfen. Auch hier wurde oft der giftige Werkstoff eingesetzt. Ob dies so ist, lässt sich relativ leicht herausfinden: Im Gegensatz zu Stahl- oder Kupferleitungen ergeben die Bleileitungen einen ganz dumpfen Klang, wenn man mit einem Hammer dagegen schlägt. Ein weiteres Indiz: Wer an der Oberfläche des Rohres kratzt, wird einen silbrigen Glanz entdecken. Ein weiteres Merkmal von Bleirohren außerdem: Sie verlaufen nie ganz gerade, ganz im Gegensatz zu Stahlrohren.

Mieter, die Bleirohre im Haus entdeckt haben, sollten den Hausbesitzer auffordern, diese auszutauschen. Bis es aber so weit ist, gibt es einige Tipps, wie man sich vor zu hoher Belastung durch den Giftstoff schützen kann: vor allem am Morgen, wenn das Wasser länger in der Leitung stand, sollte man den Wasserhahn laufen lassen, bis frisches und kühles Wasser durch die Rohre fließt. „Am besten duschen und dann erst Kaffee kochen“, sagt Natz. Allerdings sollte man auch sicherstellen, dass das Wasser in beiden Räumen aus demselben Leitungsstrang kommt.

Wo kein Blei ist, kann man sich an der hohen Qualität des Berliner Wassers erfreuen: „Es muss nicht gechlort werden und hat auch mikrobiologisch gute Werte“, so Koswig von der Stiftung Warentest. Nur in Gegenden mit einer hohen Säurebelastung sei Vorsicht angeraten, da dann das Wasser die Rohre angreift. Auch bei hohen Eisenwerten kommt es zu einer Belastung des Wassers, die aber von den Haushalten wenig toleriert wird, da dann rostrotes Wasser aus der Leitung kommt. „Beides gilt aber nicht für Berlin“, sagt Koswig, „deshalb empfehlen wir, das Berliner Leitungswasser dem Mineralwasser vorzuziehen."

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