Zeitung Heute : Nicht kümmern, machen!

DEUTSCHES THEATER Tom Kühnel und Jürgen Kuttner nehmen in „Capitalista, Baby!“ die Ideologie des heroischen Individualismus ins Visier

PATRICK WILDERMANN

In einer Umfrage der Washingtoner Library of Congress nach den einflussreichsten Büchern aller Zeiten sind ihre Werke auf Platz 2 gelandet. Gleich hinter der Bibel. In Amerika kennt jedes Kind Ayn Rand, ihre Romane verkaufen sich noch immer millionenfach. Sie ist Volksgut und Popkultur. Ein Pin-up-Girl der Neokonservativen, die Heilige der Marktradikalen, Leute wie der ehemalige Notenbankchef Alan Greenspan zählen zu ihren Bewunderern. Hierzulande fragt man sich: Ayn-wer-bitte?

Es ist ein schöner Tag, um über den Kapitalismus zu reden. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner sitzen vor der Böse-Buben-Bar in Mitte und erzählen vom „Ursprung“. So heißt Ayn Rands Buch „The Fountainhead“ in der Übersetzung, wahlweise auch „Der ewige Quell“. Der 800-Seiten-Wälzer aus dem Jahr 1943 ist mal mit Gary Cooper verfilmt worden, unter dem Titel „Ein Mann wie Dynamit“. Jetzt gibt er die Vorlage für das Theaterprojekt „Capitalista, Baby!“ ab, mit dem Kühnel und Kuttner in die neue Saison starten. Einen Page-Turner würde er das Buch nicht gerade nennen, lacht Kuttner, eher „eine schwülstige melodramatische Schmonzette“, ein Stoff für Musicals oder Vorabendserien, der aber den Anspruch vor sich hertrage, eine große Philosophie zu entwerfen. Ein reizvoller Widerspruch, finden die beiden.

Die Geschichte von „The Fountainhead“ ist dabei kaum zusammenzufassen. Ihr Held ist der Architekt Howard Roark, der als unbeirrbares Genie ohne Mitgefühl durch die redseligen Seiten stapft und seinen Wolkenkratzervisionen folgt, dem Restpersonal fällt im Wesentlichen die Aufgabe zu, sich seiner Großartigkeit zu unterwerfen. Es gibt eine seltsame sado-masochistische Beziehung zu einer jungen Journalistin, und die zentrale Liebesszene, bemerkt Kuttner trocken, „ist eine Vergewaltigung“. Das Ganze dient vor allem als literarischer Kipplaster für die Ideologie der Ayn Rand, die den Kollektivismus verteufelt und den Egoismus feiert, womit gemeint sei, erklärt Kühnel, seinem Ego um jeden Preis treu zu bleiben. In Rands Welt gibt es nur Schöpfer und Schmarotzer. Die Massenmenschen, die angesichts eines Berges vor der Naturgewalt erschaudern. Und die wenigen Tatkräftigen, die sofort an Tunnel und Sprengstoff denken.

„Die Gefahr ist, sich von vornherein darüber lustig zu machen“, sagt Jürgen Kuttner, „dann wird es langweilig.“ Tatsächlich haben die beiden Theatermacher, die für so gründliche wie lustvolle Recherchen bekannt sind, sich tief in den kruden Kosmos der Ayn Rand gewühlt. Die wurde als Alissa Rosenbaum, Tochter eines jüdischen Apothekers, geboren und floh in den 20er Jahren aus dem Russland der Oktoberrevolution in die USA. Ins gelobte Land der Wolkenkratzer, des Superindividualismus und der Verheißungen Hollywoods – wo Rand sich als Statistin verdingte und nie verfilmte Drehbücher schrieb. Natürlich ist diese Biografie als Folie spannend. Es sei ja ein bekanntes Phänomen, sagt Kühnel, dass gerade Immigranten sich oftmals in Überorthodoxe verwandelten. Was manche Unerbittlichkeit erklärt. Bei aller Lachhaftigkeit der Randschen Pamphletliteratur entdeckt Kuttner in den Büchern aber auch Verteidigenswertes, das Anschreiben gegen die Konsenskränzchen der Lass-uns-mal-drüber-Reden-Toleranz zum Beispiel.

Dennoch – einen abseitigen Stoff haben sich die Regisseure da ausgesucht. Aber dass sie gut mit Autoren umgehen können, die quer zur Zeit stehen und ideologisch schwer zu fassen sind, das haben sie ja im vergangenen Jahr mit ihrer formidablen Peter-Hacks-Bearbeitung „Die Sorgen und die Macht“ am DT bewiesen – die überzeugte in ihrer verspielten Mischung aus Ironie, Ernst und tieferer Bedeutung selbst die eingefleischten Hacks-Anhänger. Wobei die Frage, wie ihre Arbeiten aufgenommen werden, den beiden keine schlaflosen Nächte bereitet. „Wir gehen wie Howard Roarks ran“, ruft Kuttner gutgelaunt. „Nicht kümmern, machen!“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 11. 9., 19 Uhr. Weitere Vorstellungen 12. und 19.9., 19.30 Uhr,

17. und 24.9., 19 Uhr

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