Zeitung Heute : Nicht mal jeder Zweite interessiert sich für Digitales

PETER ZSCHUNKE

Computerbranche geht bei der Ursachenbeseitigung unterschiedlich vor / Rückblick auf 1997 und Ausblick auf das neue JahrVON PETER ZSCHUNKE AP.In der Informationstechnologie schlagen die Uhren anders: Ein sogenanntes Internet-Jahr dauert nur drei Monate.Doch was in diesem kurzen Entwicklungszyklus ausgebrütet wird, braucht oft viel Zeit, bis es vom Publikum angenommen wird.Und viele vollmundig verkündete Neuheiten gehen an den Bedürfnissen der Verbraucher vorbei. Auch zum Jahresende 1997 ist der Personalcomputer noch nicht so einfach zu bedienen wie eine Schreibmaschine oder ein Fernsehgerät.Zur Zeit haben in Deutschland etwa 25 Prozent der Bevölkerung einen PC, in der Schweiz sind es immerhin rund 45 Prozent.Doch das bedeutet auch, daß mehr als die Hälfte der Bevölkerung dieser Technik beharrlich den Rücken kehrt. So vielfältig wie die Ursachenvermutungen der Branche, so unterschiedlich sind auch ihre Strategien.Chip-Marktführer Intel will mit immer schnelleren Prozessoren den Umgang mit dem PC intuitiver machen.Im neuen Jahr wird der Pentium vom Pentium II abgelöst ­ das ist dann schon der vierte Generationswechsel seit dem 386er Prozessor, der Anfang der 90er Jahre die PC-Welle ins Rollen gebracht hatte.Da der neue Hochleistungsprozessor einen anderen Sockel braucht als der klassische Pentium, kann er nicht einfach in alte Rechner eingebaut werden. Wer im neuen Jahr den Pentium II haben will, muß in der Regel einen neuen Rechner kaufen.Der Fachverband Informationstechnik erwartet beim Hardware-Umsatz in Deutschland eine Steigerung von 6,1 Prozent nach bescheidenen 4,8 Prozent 1997. Schnelle Prozessoren sind aber nicht alles.Der Intel-Geschäftsführer in Deutschland, Joachim Rissmann, bemängelt, daß der PC so lange braucht, bis er nach dem Drücken auf den Einschaltknopf endlich zur Arbeit bereit ist.Diesen Startvorgang zu verkürzen, sollte man von einem guten Betriebssystem erwarten.Microsoft verspricht, daß sich bei Windows 98 "Tolles unter der Motorhaube getan" hat, so daß das System bis zu 30 Prozent schneller werde.Aber der Kartellstreit mit der US-Regierung hat neue Fragezeichen aufgeworfen, ob Windows 98 wie angekündigt zur Cebit im März vorgestellt werden kann.Microsoft will seinen Browser für den Zugang zum Internet ins Betriebssystem integrieren ­ die Wettbewerbshüter argwöhnen, daß auf diese Weise der Konkurrent Netscape ausgeschaltet werden soll. Anders als in den USA hält sich der typische private PC-Anwender in Europa immer noch zurück, wenn es um den Anschluß seines Rechners ans Internet geht: Von den rund 20 Millionen PC-Anwendern in Deutschland sind nach einer Allensbach-Erhebung nur 6,2 Millionen über Modem oder ISDN mit anderen Rechnern verbunden.Und nur 2,1 Millionen nutzen diesen Anschluß für E-Mail oder die Recherche im Internet.Ob da die Liberalisierung des Telefonmarktes zum Jahresbeginn etwas ändern wird? Die Ankündigung der Telekom, daß vor allem die Ferntarife preiswerter werden sollen, weckt da eher Zweifel. Weder die Online-Dienste noch die Hersteller von Multimedia-Titeln auf CD-ROM haben dem PC bisher zum Durchbruch im Massenmarkt verhelfen können.Statt dessen leiden beide Märkte selbst unter Problemen, die im zurückliegenden Jahr in einer Reihe von Fusionen oder Vertriebskooperationen zum Ausdruck kamen.Qualitativ hochwertige CD-ROM-Titel sind für viele Haushalte noch zu teuer, und bei den preiswerten Angeboten gibt es zu viele Enttäuschungen.Bei den Online-Diensten können nach der spektakulären Übernahme von CompuServe durch AOL und der Neuausrichtung des in Europa erfolglosen Microsoft Networks (MSN) die verbliebenen Teilnehmer entspannter ins neue Jahr gehen.In Deutschland sind dies vor allem T-Online mit 1,8 Millionen und AOL mit 400 000 Kunden (ohne CompuServe). Etwas stiller ist es im ausklingenden Jahr um die Internet-Programmiersprache Java geworden.Die kanadische Firma Corel hat ihr ehrgeiziges Projekt eines Office-Pakets in Java aufgegeben, noch nicht einmal der neueste Netscape-Browser unterstützt die aktuelle Java-Version, und Microsoft hat sich nach anfänglichem Flirt ganz von Java abgewandt.Jetzt baut Java-Erfinder Sun Microsystems ganz auf die Vereinheitlichung des Konzepts, bei dem die kalifornische Firma nach einer Entscheidung der Weltorganisation für Standardisierung (ISO) den Ton angeben darf. Java ist auch eine interessante Technik für Kleincomputer.Noch ist das Notebook zu teuer, um für Privatanwender eine Alternative zum Desktop-Rechner zu sein.Aber das Innenleben und der Funktionsreichtum der tragbaren Computer steht dem großen Bruder PC nicht mehr nach.Der Vorstandschef des PC-Kartenherstellers Xircom, Dirk Gates, prophezeit, daß der PC erst dann ins Alltagsleben aller Privathaushalte einziehen wird, wenn er auf den Küchentisch gestellt oder aufs Sofa mitgenommen werden kann.

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