Zeitung Heute : Nicht mehr Seit’ an Seit’

Liebknecht-Luxemburg-Tag – eine PDS-Tradition verblasst

Torsten Hampel

Nun geht die Sonne gleich auf, eine Viertelstunde noch, doch sie wird den Tag nicht heller machen. Gabi Zimmer wird kommen und mit ihr die Spitzenleute der Partei des Demokratischen Sozialismus, zum ersten Mal nach dem Geraer Parteitag werden sie sich alle zusammen ihrem Publikum zeigen, und die, die nicht mehr oben dabei sind, werden sich auch blicken lassen. Bis auf einen. Es ist ihre jährliche Gedenkfeier. Sie erinnern sich an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Der Himmel ist bedeckt.

Auf der Straße zur Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde haben Buchhändler und kleine Marxismus-Leninismus-Parteien ihre Stände aufgebaut, die PDS hat zwei, einer davon ist gleich beim Eingangstor. Ein weißer Tisch, drüber wackelt ein großer roter Sonnenschirm, es zieht ein bisschen. Und jetzt, kurz vor Tagesanbruch, werden die Kränze geliefert, Rosen, Nelken, Gerbera. Vier große Kränze, ein junger Mann hebt sie aus einem Kleinlaster und legt sie auf das matschige Pflaster. Der ganz rechts ist, so steht es auf der roten Schleife, vom Parteivorstand. Eine Frau, Ordnerbinde am Arm, graue Haare – sie trägt eine Skijacke und friert trotzdem –, steht dabei und sieht zu. „Wusstest du, dass wir ’n Parteivorstand ham?“, sagt sie. Sie hat einen Witz gemacht.

Weiß doch jeder, dass sie einen Parteivorstand haben, einen neuen, und seit Oktober ist der mit der Aufklärung des Taschen-Skandals um Parteivize Diether Dehm beschäftigt. Diether Dehm soll den Wachschutz in der Berliner Parteizentrale angewiesen haben, die Tasche des in Gera abgewählten Geschäftsführers Dietmar Bartsch zu durchsuchen. In der Sache steht Aussage gegen Aussage, man muss das noch näher untersuchen.

Der Vorstand hat aber doch noch ein paar andere Sachen gemacht in den letzten Monaten, er hat zum Beispiel beschlossen, dass die Blumengebinde hier liegen. Mitte Dezember war das. „Der Parteivorstand betrachtet das stille Gedenken, die Demonstration zur Gedenkstätte der Sozialisten (…) als Bestandteile der Ehrung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht anlässlich des Jahrestages ihrer Ermordung.“ Es hat damals keine großen Diskussionen um diesen Beschluss gegeben. Aber um mehr haben sie sich nicht kümmern können, sie reden nicht mehr miteinander. Wie heute in Friedrichsfelde.

Dehm ist da, im schwarzen knielangen Ledermantel geht er über den Gedenkstätten-Vorplatz, in dem Moment erscheint auch der Berliner Landesvorsitzende Stefan Liebich, Schirmmütze, schwarzer kurzer Mantel. Liebich gehört zu den Reformern in der Partei, zu denen, die zum Beispiel auf Regierungsbeteiligungen setzen statt auf dauernde Opposition gegen die Bürgerlichen, was nun wieder die Haltung von Dehm ist. Sie laufen aneinander vorbei, ohne Gruß und ohne Blick. Später wird Dehm sich ein Herz fassen und nochmal auf Liebich zugehen, ihn anlachen und seine Hand drücken.

Danach geht es schnell. Uwe Hiksch kommt, der neue Bundesgeschäftsführer, die Bundestagsabgeordneten Petra Pau und Gesine Lötzsch, Harald Wolf vom Berliner Senat und Hans Modrow und dann auch noch Lothar Bisky und Dietmar Bartsch. Gregor Gysi bleibt weg. Er habe nicht mit Zimmer auf einer Veranstaltung sein und „Friede, Freude, Eierkuchen spielen“ wollen. Das hat er vor Wochen schon zu Parteifreunden gesagt.

Halb zehn, sie heben die vier Blumenkränze auf, gehen los zu den Gräbern. Die Groß-Funktionäre vorn, in der ersten Reihe, die Ehemaligen bleiben zurück. Bisky und Bartsch warten, bis die Traube durchs Tor ist. „Auf, auf, zum Kampf“ spielt die Schalmeienkapelle, und gleich danach „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“.

Eine halbe Stunde später, gegen zehn, stehen am Frankfurter Tor, Südseite, vielleicht 1000 Menschen. Gleich beginnt der Marsch der anderen linken Gruppen zur Gedenkstätte. Vor 15 Jahren, direkt gegenüber auf der Nordhälfte des Platzes, warteten hier auch schon mal welche darauf, dass es los geht. Stasi war da und das Fernsehen. Stephan Krawczyk, Freya Klier, Bärbel Bohley und die anderen Bürgerrechtler. Sie wurden verhaftet bei dem Versuch, ein Transparent mit dem Luxemburg-Sinnspruch „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ hochzuhalten. Sie waren viel weniger als 1000, aber sie wurden beachtet.

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