Zeitung Heute : Nicht mehr tragfähig

Nach dem großen Unglück von Minneapolis: Wie sicher sind die Brücken in den USA – und in Deutschland?

Roland Knauer

Wie kann es zu einem Brückeneinsturz wie jetzt in Minneapolis kommen?

Als die Brücke in Minneapolis im Berufsverkehr zusammenstürzte, waren wegen Bauarbeiten nur zwei von acht Fahrspuren offen – eine Überlastung durch zu viel Verkehr scheidet als Ursache für das Unglück wohl aus. Anders sieht es mit möglichen Ermüdungserscheinungen aus. „Auf den Bildern erkennt man ein Stahlfachwerk unter dem Beton der Brücke. Bei dieser Bauweise aber entdeckt man Korrosion rasch“, sagt Mike Schlaich, Professor für Massivbau an der Technischen Universität Berlin und gleichzeitig Geschäftsführer eines Stuttgarter Ingenieurbüros.

Tatsächlich hatte eine Forschungsgruppe der Universität Minnesota nach einem Bericht der Lokalzeitung „Star Tribune“ bereits 2001 Zweifel am Zustand der Brücke geäußert. Demnach seien „zahlreiche ermüdete Stellen im Tragwerk“ gefunden worden. Eine Sanierung des Bauwerks empfahlen die Experten zwar nicht, allerdings sei die Unglücksbrücke 2005 in einer nationalen Brückendatei der USA als „strukturell fehlerhaft“ eingestuft worden.

Wie die Zeitung weiter berichtet, sei die Einstufung durch eine komplexe Berechnung entstanden, die viele Faktoren einbezogen habe. Ein Ergebnis von 50 Prozent, welches die Unglücksbrücke erzielt habe, bedeute demnach, dass das Bauwerk ersetzt werden müsse. Auf einer Skala von null bis neun, wobei null „durchgefallen“ heiße und neun „exzellent“, habe der Oberbau der Brücke die Note vier, die Fahrbahn die Note 5 und der Unterbau die Note sechs erhalten.

Wäre ein solches Unglück auch in Deutschland möglich?

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es bei technischen Bauwerken nicht. Bereits bei der Planung kann ein Fehler passieren, beim Bau gibt es Mängel oder die Inspektion wird nicht richtig durchgeführt. Einzelne solcher Fehler tolerieren die hohen Sicherheitsreserven meist, erst wenn mehrere Fehler zusammenkommen, passiert ein Unglück. Eine solche Verkettung von Fehlern hatte Anfang 2006 die Eissporthalle in Bad Reichenhall einstürzen lassen: Schon in der Planung gab es Fehler, ein Teil der Baustoffe war für die Konstruktion nicht geeignet, vermutlich wurden auch die Inspektionen vernachlässigt. Als dann auch noch viel Schnee auf dem Dach lag, brach die Halle zusammen.

Ein besonderes Problem sind tatsächlich Korrosionsschäden an Bauwerken. Straßenbrücken werden daher von vornherein so gebaut, dass zum Beispiel das bei Schnee und Eis eingesetzte Tausalz gar nicht erst an die durch Korrosion gefährdeten Teile gelangen kann. Fugen werden zum Beispiel abgedichtet, damit winterliches Salzwasser dort keine Korrosion hineinbringen kann. Ein Ingenieur plane eine Brücke so, dass sie mindestens 150 Prozent der größten möglichen Last tragen kann, sagt Mike Schlaich.

Wie häufig werden Brücken in Deutschland kontrolliert?

Alle drei Jahre werden deutsche Brücken inspiziert, jedes sechste Jahr ist eine aufwendige Hauptuntersuchung fällig, die auch schwer zugängliche Bereiche wie die Unterseite unter die Lupe nimmt. Als der ADAC vor kurzem 50 Brücken in 13 deutschen Städten unter die Lupe nahm, wurden allerdings in Koblenz gleich drei Bauwerke gefunden, bei denen seit mindestens 20 Jahren die alle sechs Jahre fällige Hauptuntersuchung fehlt. Die tragenden Teile einer in Chemnitz inspizierten Brücke aus dem Jahr 1893 waren bei diesem Test in so schlechtem Zustand, dass die Stadt das Bauwerk noch am gleichen Tag für den Verkehr sperrte. Bei den Hauptuntersuchungen an den 37 000 Autobahn- und Bundesstraßenbrücken Deutschlands erweisen sich durchschnittlich 15 Prozent als „kritisch“. Diese Brücken seien zwar nicht akut einsturzgefährdet, sagt Andreas Hölzel vom ADAC. Wenn sie aber nicht rasch repariert werden, drohe durchaus Gefahr.

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