Zeitung Heute : Nicht noch einmal so schlecht

HARTMUT SCHERZER

ST.GALMIER .Predrag Mijatovic, eine schwarze Baseballmütze mit den Initialen LA auf dem Kopf, verschränkt die Arme auf dem Tisch, spielt mit seinem Handy und stiert gelangweilt ins Leere.Der Star ist auserkoren, an diesem sonnigen Mittag im mondänen Quartier "Le Charpiniere" in Saint.Galmier den Medien Rede und Antwort zu stehen.Wozu er offensichtlich keine allzu große Lust verspürt.Miroslav Stevic sitzt an seiner Seite.Das mag für den serbischen "Sechziger" zwar eine große Ehre sein.Aber gefragt ist der Ersatzspieler nicht.Mijatovic leiert leise seine Aussagen herunter und wundert sich nicht, wie kurz die beiden Damen seine langen Ausführungen ins Französische und Englische übersetzen.Scheint ihm auch egal, was da rüberkommt.Er wisse alles über die Deutschen, hat er doch erst kürzlich in der Champions League gegen Leverkusen und Dortmund gespielt.

Damit auch Stevic mal zu Wort kommt, gibt der Star die eine oder andere Frage an den Tischnachbarn weiter.Miroslav Stevic nutzt die Gelegenheit, als Kenner der Bundesliga dem alten Deutschland-Komplex der Jugoslawen zu widersprechen: "Ich glaube, die Deutschen haben mehr Angst vor uns als wir vor ihnen." Nun war die Premiere der so vielversprechenden jugoslawischen "Weltauswahl" nach achtjähriger Isolation beim 1:0 gegen den Iran nicht dazu angetan, irgendjemandem Angst einzujagen.Schon gar nicht der Auftritt des Starstürmers.Mijatovic lächelt, das einzige Mal an diesem Mittag."So schlecht werden wir nicht noch einmal spielen, sondern gegen Deutschland zeigen, wozu wir wirklich fähig sind." Am Sonntag in Lens würden sie zeigen, "was wir wirklich können."

Dennoch schiebt der Star von Real Madrid den Deutschen die Favoritenrolle zu.Mijatovic erklärt den nächsten Gegner sogar zum ersten Anwärter auf den Weltmeisterschaftstitel.Ohne zu lächeln, sagt er: "Vielleicht wird Deutschland Weltmeister." Zum sechstenmal muß Jugoslawien nun schon bei einer Weltmeisterschaft gegen diese Fußball-Weltmacht antreten.Der einzige Erfolg - das 1:0 im Viertelfinale 1962 in Chile - fiel noch in die Herberger-Epoche.So lange ist das schon her.Die deprimierende 1:4-Niederlage vor acht Jahren in Mailand aber ist den Jugoslawen noch bestens im Gedächtnis, so, als wäre es gestern gewesen.Stojkovic und Savicevic waren damals schon dabei.

Miljan Miljanic, der 68 Jahre alte Präsident des jugoslawischen Verbandes, war 1974 Trainer beim 0:2 in der zweiten Finalrunde in Düsseldorf und 1990 in Italien Sportdirektor und verkündet draußen auf der Terrasse seine Hochachtung."Die Deutschen haben immer gute Spieler, immer eine gute Mannschaft und immer einen guten Trainer.Das ist schon Tradition." Gute Spieler haben die Jugoslawen auch.Und mit Slobodan Santrac wohl auch einen tüchtigen Trainer.Der Mann aber steht vor dem Problem, alle im Ausland bei europäischen Spitzenklubs angestellten und verwöhnten Profis auf eine einheitliche, jugoslawische Mentalität einzustimmen.Schon ihre "Trainingskulturen", klagt Santrac, seien unterschiedlich.

Sein Kader wurde aus acht europäischen Ligen rekrutiert.Darunter sind nur noch drei Spieler aus der maroden ersten Division in der Heimat.Doch auch diese drei, Torwart Kralj und die Talente Stankovic und Ognajenovic, werden nach der WM dem Vaterland den Rücken kehren.Von den beiden Bundesligaspielern "rechnet" sich Miroslav Stevic (1860 München) "eine Chance aus, daß ich gegen Deutschland im Mittelfeld spiele".Slobodan Komljenovic (MSV Duisburg), Dragoslav Stepanovics künftiger Schwiegersohn, aber glaubt nicht, daß er eingesetzt wird."Ich bin erst seit kurzem, erst nach der Weltmeisterschafts-Qualifikation wieder dabei.Aber hoffen kann man schließlich immer."

Auch mit Dejan Savicevic, nach seiner Verletzung seit zwei Monaten ohne Spielpraxis, sei nicht zu rechnen, verrät Komljenovic."Savicevic läuft immer noch alleine und trainiert nicht mit der Mannschaft." Für die Jugoslawen geht es gegen Deutschland nicht allein um den Gruppensieg und die Qualfikation fürs Achtelfinale.Dafür hätten sie das Spiel gegen die Vereinigten Staaten in der Hinterhand.Es geht auch ums Prestige."Es ist unsere Ambition, die Deutschen zu schlagen", sagt Predrag Mijatovic.Für einen Moment ist die Gleichgültigkeit aus seinem Gesicht gewichen.

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