Zeitung Heute : Nicht nur für Streber

Gute Noten sind noch keine Garantie für einen Ausbildungsplatz

Sabine Hölper

CHRISTIAN STAHNKE, 18, HEINZ-BRANDHAUPTSCHULE WEISSENSEE

„Ich will auf keinen Fall ein Jahr lang zu Hause sitzen“, sagt Christian Stahnke. „Man wird so schnell abgestempelt.“ Und Christian hat auch ein bisschen Angst davor, dass ihm das Nichtstun gefallen könnte, dass er bequem wird. „Dann würde die Motivation, sich um einen Ausbildungsplatz zu bewerben, sicher in den Keller sinken.“

Fast 35 Bewerbungen hat Christian Stahnke weggeschickt. Einen Ausbildungsplatz hat der 18-Jährige trotzdem noch nicht. „An den Noten kann es nicht liegen“, glaubt Christian. Schließlich habe er einen Schnitt von 2,5. Die schlechteste Note: befriedigend. Auch an den Bewerbungsunterlagen gebe es nichts auszusetzen. „Die Seiten sind knitterfrei“, sagt Christian. Darauf achten seine Eltern. Manchmal wird zudem noch die Tante eingespannt. Die Lehrerin stellt unglücklich formulierte Sätze um und berichtigt Rechtschreibfehler. Und vom Bewerbungstrainer in der Schule hat er den Ratschlag mitgenommen, den Briefkopf des Schreibens ordentlich zu gestalten.

Ob es Christian in den nächsten Wochen gelingen wird, eine Lehrstelle zu finden, ist ungewiss. Aber er lässt nicht locker. Und falls es in Berlin nicht klappt, „gehe ich eben woanders hin, notfalls ans andere Ende von Deutschland.“ Außerdem müsse es ja nicht unbedingt der Traumjob Kfz-Mechatroniker sein. Dass das Schrauben an Autos Spaß macht, hat Christian während eines Praktikums festgestellt. „Fachangestellter für Bäderbetriebe“ wäre auch nicht schlecht, sagt er. Als Rettungsschwimmer beim DLRG Spandau hat er da schon Erfahrungen gesammelt. Erst vergangene Woche hat er die Insassen eines gekenterten Segelbootes aus der Havel gerettet.

CHRISTOPH BEYER, 16, FRIEDRICH-BAYER-REALSCHULE STEGLITZ

Christoph Beyer hat gute Nerven bewiesen. Obwohl die Lehrer bereits in der neunten Klasse darauf hingewiesen hatten, dass man sich doch frühzeitig um eine Ausbildungsstelle kümmern sollte, hat Christoph seine erste Bewerbung Anfang Mai, geschrieben. Christoph hatte Glück. Im ersten Anlauf hat er es geschafft. Im Sommer beginnt er mit seiner zweijährigen Ausbildung als Rohrleitungsbauer. Eine zweite Bewerbung, die er zur Sicherheit nachgeschoben hatte, brachte ihm ebenfalls eine Zusage ein. Da hat er vor einigen Tagen abgesagt. Die Entscheidung für eine Lehre auf dem Bau fiel eigentlich schon im vor einem Jahr. Im Rahmen des obligatorischen Schülerpraktikums arbeitete Christoph drei Wochen lang auf einer Baustelle – und war begeistert: „Ich wollte danach gar nicht mehr in die Schule zurück“, sagt er. „Es war toll, jeden Abend zu sehen, was man am Tag geschafft hatte.“ Später hat Christoph dann auf der Baustelle zugeguckt, wo sein Bruder als Rohrleitungsbauer arbeitet. Danach war dann endgültig klar, dass „ich auf den Bau wollte“. Warum Christoph so gute Chancen hatte? Seine Noten sind durchschnittlich. „Aber der Zeugniskopf war richtig gut“, sagt er. Im Zeugniskopf stehen die Noten für Sozialverhalten und Mitarbeit.

Auf die Arbeit ist Christoph schon ganz gespannt – und er freut sich auf seinen ersten, wenn auch nicht üppigen Lohn. „Davon kaufe ich mir ein Rennrad.“

NORA NÜRNBERG, 15, LANGHANS-OBERSCHULE HOHENSCHÖNHAUSEN

Nora Nürnberg hat keinen speziellen Berufswunsch. Sie hat sich als Arzthelferin beworben, als Friseuse, als Kauffrau für Bürokommunikation und als Einzelhandelskauffrau. „Hauptsache, ich bekomme überhaupt eine Lehrstelle“, kommentiert Nora diesen Rundumschlag. „Ich kann es mir nicht leisten, wählerisch zu sein.“ An die 50 Bewerbungen hat sie bisher verschickt – ohne Ergebnis. Dabei sah es häufig erst mal gar nicht so schlecht aus. Eine Reihe von Firmen hat der 15-Jährigen eine Einladung zum Einstellungstest zugeschickt. Auch zu Vorstellungsgesprächen wurde sie ein paar Mal eingeladen. Doch viel mehr ist bisher nicht passiert. „Es ist schon frustrierend“, findet Nora, „wenn man direkt nach dem Test nach Hause geschickt wird.“ So ist es ihr bei der Telekom ergangen. Nach dem Test war für Nora Schluss. Nur drei von 20 Kandidaten kamen eine Runde weiter. „Ich hätte mich besser vorbereiten sollen“, gibt Nora zu. Meist drehten sich die Fragen um das Unternehmen: Wer ist der Geschäftsführer, wo ist der Hauptsitz, wie viele Filialen gibt es?

Als die Bekleidungskette „New Yorker“ sie zum Einstellungstest bat, hat Nora sich vorher im Internet schlau gemacht. Ihr Vorteil. Sie wurde zum Vorstellungsgespräch geladen. Weil auch das gut lief, durfte sie zwei Tage lang Probearbeiten. Aber ob die Zusage kommt, ist noch nicht klar. Warum die begeisterte Tänzerin bis jetzt so viel Pech hatte? „Ich kann es mir nicht erklären“, sagt Nora. „Aber ich gebe nicht auf.“

MARTIN DZIUBIEL, 16, HEINZ-BRANDHAUPTSCHULE WEISSENSEE

Anfangs sah es nicht gut aus. Auf die ersten „zehn bis zwanzig“ Bewerbungen, die Martin Dziubiel zu Beginn des Schuljahres verschickt hat, bekam er nur Absagen. „Blöd ist, dass man nicht erfährt, warum man nicht genommen wird. Vielleicht wollen die Unternehmer keine Hauptschüler“, sagt Martin. Aber darüber braucht er jetzt nicht mehr zu grübeln. Seinen Ausbildungsvertrag hat er schon vor Monaten unterschrieben – das hat er auch ein bisschen seiner Mutter zu verdanken. Sie war es, die ihm vorgeschlagen hatte, doch ein Praktikum im Hotel eines Bekannten zu machen. Also opferte Martin die Herbstferien, um zwei Wochen lang den Köchen im Restaurant über die Schulter zu schauen. Weil dem Star-Trek-Fan das gut gefiel, er aber trotzdem auf Nummer sicher gehen wollte, ging er in den Osterferien gleich noch mal hin. „Ursprünglich wollte ich ja Elektriker werden“, sagt Martin. „Oder Einzelhandels-Kaufmann.“ Aber nachdem er sich über den Beruf des Kochs informiert hatte, fand er den Gedanken, in Töpfen zu rühren, gar nicht so schlecht. „Man hat so tolle Aufstiegschancen“, sagt Martin, der schon von einer Position als Spitzenkoch auf einem Luxusschiff träumt. Erstmal aber geht es für Martin nicht auf hohe See, sondern nach Hannover. Dort ist nämlich sein Ausbildungsbetrieb. „Ich habe schon ein bisschen Angst, von zu Hause auszuziehen“, sagt Martin. „So ganz alleine den Haushalt zu führen, das stelle ich mir schon schwierig vor.“ Ans Kochen denkt Martin dabei weniger, eher ans Saubermachen und Wäsche waschen.

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